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Die Panda-Theorie

von Alexander Amberg

Ein wahrhaft kluger Mann erzählte mir einmal – oder habe ich es irgendwo gelesen? – in China gäbe es riesige Bären, die man Pandas nenne. Die Pandabären seien schwarzweiße Riesen, aber absolut harmlose Pflanzenfresser, die keinem etwas tun, zehn Stunden lang schliefen und vierzehn Stunden am Tag fressen würden. Und weil zehn plus vierzehn vierundzwanzig ergäbe, bliebe da natürlich nicht sehr viel Zeit für Vergnügen oder Fortpflanzung, wenn so ein Koloss satt werden wolle. Tja, darum seien Panda-Babys eben so selten.

Pandas äßen am liebsten Bambus. Sie verschlängen Unmengen davon. Eigentlich würden sie überhaupt nichts anderes fressen, außer im Zoo, wo sie schon mal mit Mars oder Milky Way vorlieb nähmen - aus Kummer vielleicht, weil sie dort keinen Bambus finden. Das sei nämlich ihre Hauptsorge. Aber, wie gesagt, das seien die Ausnahmen.

Das Seltsame an der Sache aber sei: Der Bambus scheine zu wissen, dass die Pandas ihn mögen, ja, ganz verrückt nach ihm sind. Deshalb schütze er sich vor ihnen - auf seine ganz eigene Art. Denn seien die mehrere Meter hohen Pflanzen erst einmal aufgegessen, ließen sie sich Zeit mit dem Nachwachsen. Sie hätten es ganz gewiss nicht eilig. Im Gegenteil. Sie seien sehr, sehr vorsichtig, überaus vorsichtig, weil sie wüssten, was ihnen blühe. Jahrzehnte vergingen, bevor ein abgegrastes Bambusfeld wieder zu einem genießbaren Bambusfeld werde, nachdem die Pandas mit ihm fertig seien. Aber so lange lebe kein Panda. Was also machen die Pandas in der Zwischenzeit?

Früher sei das wohl kein Problem gewesen, aber heute müssten die Pandas ziemlich lange suchen, bevor sie neuen Bambus fänden. Etwas anderes schmecke ihnen angeblich nicht. Dabei gäbe es schmackhafte Pflanzen im Überfluss. Doch wie es nun mal so ist: Die wollen sie gar nicht erst probieren, weil sie sich nämlich an den Bambus gewöhnt haben. Klar, irgendwann wird der Bambus natürlich wieder da sein. Er wächst ja nach, wenn auch langsam. Aber was ist dann mit den Pandas? Sie werden ja jetzt schon immer weniger. - Das ist nun mal der Lauf der Welt, sagte der Mann zu mir.