Drucken

Originalausgabe „Madeleine's Ghost“, New York 1995, deutsch 1996.

Es ist gar nicht so leicht, mich zu begeistern. Aber Robert Girardi, Jahrgang 1961, hat es geschafft. Der Grund ist sein Stil. Man muss schon lange suchen, bis man heutzutage ein Buch findet, das den Leser wirklich zu fesseln vermag. „Madeleines Geist“ tut es. Der Roman ist ein Erstling, der es in sich hat. Man hat hier einen Autor vor sich, der es versteht, allein durch seine Beschreibungen zu wirken, aus Bildern Atmosphäre zu schaffen, das Rationale und das Irrationale in wunderbarer Ironie aufeinander treffen zu lassen, kurz: spannend zu schreiben.

Die Handlung spielt an Schauplätzen in New Orleans und Brooklyn. Der junge Historiker Ned Conti finanziert seinen Lebensunterhalt, indem er für den Gemeindepfarrer Recherchen über Schwester Januarius anstellt, eine Nonne, die um die vorletzte Jahrhundertwende starb. Der ehrenwerte Geistliche sucht Beweise für ihre Heiligsprechung, um seiner Gemeinde das Maß an Publicity zu verschaffen, das ihr seiner Meinung nach zusteht. Dabei macht Conti eine merkwürdige Entdeckung: In seinem Appartement treibt ein Poltergeist sein Unwesen. Unfähig, sich das Offensichtliche einzugestehen, versucht der Rationalist, die Vorkommnisse zu ignorieren - bis eine Bekannte zu einer Séance rät. Wenige Tage später springt sie von der Brooklyn Bridge.

Derart vom übernatürlichen Wirken in seiner Wohnung überzeugt, bleibt Conti nur eine Chance. Er muss sich der unheimlichen Macht stellen, die den Kontakt zu ihm sucht, und wird so zum letzten Zeugen eines grässlichen Geschehens, das sich vor hundertfünfzig Jahren im fernen Süden abspielte, und zugleich zum Vollstrecker des letzten Willens einer ruhelosen Seele.

„Madeleines Geist“ zeichnet ironisch gebrochen das Leben in der Großstadt New York nach und kontrastiert es mit Robert Girardis beschaulichem Dixieland New Orleans. Der Roman ist die Geschichte einer erstaunlichen Liebe. Gelungene Charakterisierungen und die atmosphärisch dichte Sprache machen „Madeleines Geist“ zu einem Leseerlebnis.

Robert Girardi verfasste noch einige weitere Romane, doch dann wurde es still um ihn.

Alexander Amberg