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Hexenstunde - ein Roman von Anne Rice

Michael Curry und Rowan Mayfair, ein Mann und eine Frau - eine uralte Geschichte könnte man meinen, und dennoch fasziniert sie immer wieder. Dann sind da noch Lasher und Aaron Lightner. Lightner gehört der Talamasca an, einem Orden, der seit dreihundert Jahren die Geschichte der Mayfair-Hexen studiert. Lasher ist ein Dämon, der eigene Ziele verfolgt und nur zum Schein als dienstbarer Geist auftritt.

Nicht umsonst gilt Anne Rice als Königin des modernen Schauerromans. Ihre „Chronik der Vampire“ um den Vampir Lestat machte sie berühmt, der Film „Interview mit einem Vampir“ wurde nach der Vorlage ihres gleichnamigen Romans gedreht. In epischer Breite erzählt sie in ihrem 1990 erschienenen Roman „Hexenstunde“, dem Beginn iher Hexen-Saga, der kein so großer Erfolg wie der Vampirchronik beschieden war, die Geschichte der Familie Mayfair, wie die Talamasca, wiewohl fiktiv, sie dokumentierte.

Vom Mittelalter bis in die Gegenwart reicht die Erzählung, von Suzanna May Faire, die im 17. Jahrhundert im schottischen Donnelaith in einem Steinkreis zum ersten Mal „den Mann“ sah, über ihre Tochter Deborah, die zur Comtesse de Montcleve aufstieg, Charlotte, die nach Santo Domingo flüchtete, wie man im 17. Jahrhundert Haiti nannte, bis hin zu Stella, Antha, Deirdre und schließlich Rowan, deren Macht am stärksten ist. Als sich in Haiti Ende des 18. Jahrhunderts die Sklaven erhoben, kam die Familie in die Südstaaten. Fortan war die Plantage Riverbend ihr Stammsitz, und erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, noch bevor der hungrige Mississippi den Landsitz verschlang, zogen die Mayfairs endgültig in das Stadthaus in New Orleans, in dem seltsame Dinge vor sich gehen.

Charlotte Mayfair war eine echte Voodoo-Queen, ihre Nachfahren Prototypen der „Southern belle“. Die Geschichte der Familie Mayfair ist die Geschichte von Inzest und Okkultismus, und seltsamerweise pflanzt sich über die weibliche Linie der Name Mayfair fort, an den das immense Familienvermögen geknüpft ist. Letztlich geht es zurück auf einen Beutel voller Münzen, die immer wieder zu ihrem Besitzer zurückkehren, und auf das finanzielle Genie mancher Familienmitglieder.

Doch die Macht der Mayfair-Hexen ist im Schwinden begriffen. Schon lange gab es keine Voodoo-Queen mehr. Die letzten Trägerinnen der „Macht“ starben entweder eines unnatürlichen Todes wie Stella und Antha oder dämmerten umnachtet dahin wie Deirdre, die ihre Tochter Rowan sofort nach der Geburt weggab, um sie von dem Haus in New Orleans fernzuhalten. Lasher sollte niemals Macht über sie erlangen. Aber wie das Leben so spielt ...

Rowan ist Neurochirurgin in Kalifornien und holte Michael bei einem ihrer ausgedehnten Bootsausflüge buchstäblich ins Leben zurück, nachdem sie den Ertrinkenden aus dem Wasser fischte. Beide haben übersinnliche Kräfte. Da ist zum einen Rowans unglaubliches diagnostisches Talent, zum andern ihre Fähigkeit, allein durch Gedanken zu töten. Michael ist seit seinem Todeserlebnis in der Lage, durch das Berühren eines Gegenstandes dessen gesamte Geschichte zu erfassen.

Erst Monate nach der Rettung auf hoher See kreuzen sich beider Wege wieder, nachdem Michael sich voller Verzweiflung in seine vier Wände zurückgezogen und seine Karriere als Bauunternehmer aufgegeben hat. Während seines Todeserlebnisses hatte Michael eine Erscheinung, und er weiß, daß er mit einem bestimmten Auftrag wieder ins Leben zurückgeschickt wurde. Doch welcher Auftrag ist das? Er ertränkt die quälende Ungewißheit im Alkohol und trägt Handschuhe gegen die absolute Reizüberflutung, die ihn bei jeder beliebigen Berührung zu überwältigen droht.

Überzeugt, daß die Möglichkeit, die Planken des Bootes zu berühren, mit dem er aus dem Meer gerettet wurde, ihm weiterhelfen könnte, verbreitet er über den Rundfunk einen Aufruf, um seine Retterin zu finden. Schließlich erlangt Michael die Gewißheit, daß er von Kalifornien zurück nach New Orleans muß, die Stadt, in der er geboren wurde.

Rowan meldet sich, und die beiden verlieben sich ineinander. Doch Michaels Flug ist schon gebucht und nach wenigen Stunden ist er unterwegs. Unglücklicherweise ist New Orleans die eine Stadt, die Rowan Mayfair nicht betreten darf. Sie verpflichtete sich ihrer verstorbenen Pflegemutter Ellie Mayfair gegenüber, ihrer Tante, bei der sie aufwuchs, sogar schriftlich dazu, ohne überhaupt den Grund zu kennen.

Während Michael unterwegs ist zum Flugzeug, fürchtet Rowan plötzlich, ein Einbrecher sei im Haus. Doch dann sieht sie vor der Glasfront der Veranda lediglich einen altmodisch gekleideten jungen Mann, der sie flehentlich ansieht, bevor er sich in Nichts auflöst. Es ist die Stunde des Todes ihrer leiblichen Mutter, Deirdre Mayfair.

Rowan packt ihre Sachen und reist Michael nach. In New Orleans entschließt sie sich, das Erbe der Mayfairs anzutreten, das Familienvermögen zu übernehmen und in das Haus im Garden District zu ziehen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf ...

Man kann geteilter Meinung sein über Gruselgeschichten und Schauerromatik. Anne Rice bietet von beidem mehr als genug, und wer beginnt, ihren Roman „Hexenstunde“ zu lesen, ist ihrem weit ausholenden Stil auch schon verfallen. Oder etwa nicht?

Alexander Amberg