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Bret Easton Ellis - ein verkannter Moralist?

von Alexander Amberg

Bret Easton Ellis, Die Informanten, aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler, Kiepenheuer & Witsch: Köln 1995. (Titel der Originalausgabe: The Informers). 257 S.

Mit „Die Informanten“ legte Bret Easton Ellis seinen vierten Roman vor. Für seinen Bestseller „American Psycho“ zerrissen ihn die Kritiker und die etablierte Öffentlichkeit warf ihm Gewaltverherrlichung vor. Dabei tut er alles andere als das: Bret Easton Ellis ist ein Moralist par excellence. Mit scharfem Blick legt er die Wunden der westlichen Gesellschaft bloß und statt den Zeigefinger zu heben, streut er Salz hinein. Bret Easton Ellis beobachtet und schreibt. Diese distanzierte Haltung des ungerührten Außenseiters kreidete man ihm an als obszön, unmoralisch und kriminell. Nun gut, in „American Psycho“ war sein Protagonist ein Massenmörder. Aber der Gestus ist topisch: von Anbeginn des epischen Genres zieht der homo viator durch die Literatur, der Wanderer, der als unbeteiligter Beobachter ein Geschehen beschreibt, das sich vor seinen Augen abspielt. Magsein, daß seine Kritiker in „American Psycho“ Autor und Erzähler miteinander verwechselten, weil er die 1. Person wählte, um den Roman zu erzählen.

Aber schon lange vor Bret Easton Ellis widerfuhr einem anderen Satiriker dasselbe Schicksal. Im 17. Jahrhundert wurde Jonathan Swift angefeindet, als er in seinem Traktat „A Modest Proposal ...“ - zu deutsch: „Ein bescheidener Vorschlag ...“ die unmenschlichen Lebensumstände im zeitgenössischen Irland beschrieb und als Lösung vorschlug, die Iren sollten ihre Kinder zum Verzehr freigeben. Das würde zum einen den Markt beleben, zum andern die ständige Lebensmittelknappheit beheben und zum dritten die Übervölkerung eindämmen. Swifts Kritiker übersahen die Ironiesignale, mißverstanden die Kritik und nahmen die Satire für bare Münze. Man warf ihm allen Ernstes vor, er leiste dem Kannibalismus Vorschub. Dabei bediente der Autor sich lediglich der Gattung der bösartigen juvenalischen Satire, die einen Mißstand bis zum Äußersten geißelt.

So auch Bret Easton Ellis. In „American Psycho“ verursachen seine Gewaltdarstellungen dem Leser Übelkeit. Minutiös beschreibt er die bestialischsten Foltern, mit denen sein Protagonist, ein Massenmörder, seine Opfer quält. Von Verherrlichung kann dabei keine Rede sein. Der Autor konfrontiert seine Leser mit Exzessen, die dieser nur schwer verkraftet, zumal er sich noch kurz zuvor mit dem Unhold identifizierte. Was ist also leichter, als den Boten für die Nachricht zu hängen?

Auch in „Die Informanten“ bietet Bret Easton Ellis Sex and Crime zur Genüge. Er beschreibt eine Gesellschaft von Yuppies, in der sich menschliche Beziehungen nur noch an der Oberfläche abspielen. Thema seiner Romane ist die Beziehungslosigkeit des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Die Wahrnehmungsart, die dem entspricht, ist „Camp“. Der Begriff, der zuerst in der amerikanischen Homosexuellenszene auftauchte, umschreibt ein flüchtiges Wahrnehmen, das stete Kratzen an der Oberfläche, ohne jemals tiefer zu schürfen. Früher hätte man dies „Dekadenz“ genannt.

Bret Easton Ellis zwingt seinem Leser diese Betrachtungsart geradezu auf, er macht ihn quasi zum Komplizen, indem er seinen Erzähler so weit wie möglich zurücknimmt und die szenische Darstellungsart bevorzugt. Figurenrede und Stychomythie bestimmen diesen kargen Stil, dessen Sachlichkeit so im Widerspruch steht zum teils gewalttätigen, teils obszönen Inhalt. Aber gerade dieses Paradox sollte zu denken geben. Denn Bret Easton Ellis hält seiner - unserer - Gesellschaft einen Spiegel vor, der nur zeigen kann, was ist, ohne einen Kommentar zu liefern. Dieser Fähigkeit entbehrt ein Spiegel nun einmal.

In „Die Informanten“ gibt Bret Easton Ellis das Zerrbild einer Gesellschaft wider, die dem Fetisch Jugend nachjagt und deren Wertelosigkeit auch durch Sex, Drogen, Gewalt oder Luxus nicht mehr kompensiert wird. Als klar wird, daß seine Hauptfiguren einem Clan von Vampiren angehören, schockiert dies nicht mehr. Angesichts der korrupten Oberflächlichkeit, die der Autor bisher zeigte, ist dies eher der harmlose Teil des Romans, auch wenn Bret Easton Ellis statt des aristokratischen Schattenwesens, das ein Christopher Lee darstellte, eher das blutsaugende Schreckgespenst eines Friedrich Murnau wiederbelebt. Wie Nosferatu zerfetzen Bret Easton Ellis’ Vampire ihre Opfer, reißen ihnen die Arme aus und die Kehlen auf, um ihr Blut zu trinken, häuten sie am Ende sogar in einer Orgie sinnloser Gewalt. Bret Easton Ellis zeigt nicht den romantischen Todeskuß eines Grafen Dracula. Bei ihm ist Vampirismus nichts als blutrünstiger Hardcore-Sex, der ein Verlangen stillen soll, das unstillbar ist.

„Die Informanten“ hat nicht einen Protagonisten, sondern deren gleich mehrere. Die einzelnen Kapitel könnte man als in sich abgeschlossene Kurzgeschichten betrachten, wären sie nicht durch ständige Querverweise miteinander verbunden, so daß sich insgesamt vielleicht nicht ein stimmiger plot, wohl aber ein gleichbleibendes Szenario ergibt. Die Austauschbarkeit der Menschen, die in „American Psycho“ noch durch die ständige Verwechslung der Namen angedeutet wurde, wird in „Die Informanten“ einen Schritt weiter getrieben. Mehrere unterschiedliche Erzähler wenden sich an den Leser. Dieser hat Mühe, sie auseinanderzuhalten. Bret Easton Ellis montiert Passagen und Episoden zu einem Ganzen, das ohne logische Zusammenhänge auskommt, die Kausalität mitunter aufbricht. Man mag den Autor für postmodern halten. Der sachliche Stil und die Neon- und Glamour-Atmosphäre tragen dazu bei, diesen Eindruck zu erwecken. Aber er ist es nicht.

Die Welt, die Bret Easton Ellis erstehen läßt, ist künstlich, korrupt, eine Orgie aus Gewalt, Zerfall und Verwesung, mit einem Wort: barock. Seine Figuren tanzen einen Totentanz und seine Erzähler tanzen mit. Sie bejahen diese Welt, weil sie ein Teil von ihr sind. Anders der Autor. Der Moralist verzichtet darauf, die Botschaft eines Andreas Gryphius in Worte zu fassen: „Es ist alles ganz eitel.“ Statt dessen zeigt er uns Bilder, die zugleich anziehen und abstoßen. Sein Ausdrucksmittel ist die Ironie. Hier entsteht sie durch einen übersteigerten Realismus, der in die Karikatur mündet. Das phantastische Element, das mit dem Vampirmotiv in den Roman eindringt, wäre nicht notwendig, um den kargen plot am Leben zu erhalten. Als Ironiesignal aber ist es unverzichtbar. Geschickt setzt der Autor Stil und Form ein, um eine Aussage zu treffen, die der äußeren Handlung des Romans widerspricht. „Die Informanten“ ist kein phantastischer Roman, auch wenn er Elemente der Phantastik enthält. Es ist ein zutiefst sozialkritisches Buch, das einen ganzen „lifestyle“ als absurd entlarvt.

Bret Easton Ellis beschreibt nun einmal nicht das L.A. der 80er Jahre - „kaum vergangen, aber schon sonderbar entfernt“, wie der Klappentext merkwürdigerweise ausweist, sondern er entwirft ein Bild der gesamten westlichen Kultur - einer wertelosen Gesellschaft. Das ist der wahre Horror, den der Roman zeigt.