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Magie - einige Stichworte

von Alexander Amberg

Bergmännlein – sind Dämonen, mit denen sich nicht spaßen lässt. Man beschwört sie wie folgt: Man deckt einen neuen Tisch, stellt darauf zwei Milchschüsseln und zwei Schüsseln mit Honig, zwei Teller und neun Messer. Dazu schlachtet man eine schwarze Henne.1 Man sollte jedoch bedenken, dass die Geister sich leicht an Opfergaben gewöhnen und sie mit Gewalt einfordern, sollten sie erst einmal ausbleiben.

Beschwörung/ Magier

Sint mihi Dei Acherontis propitii, valeat numen triplex Jehovae, Ignei, Aerii, Aquatici, Terreni, spiritus salvete: Orientis Princeps Lucifer, Belzebub inferni ardentis monarcha, et Demogorgon, propitiamus vos, ut appareat, et surgat Mephostophilis.
Quid tu moraris; per Jehovam, Gehennam, et consecratam aquam quam nunc spargo; signumque crucis quod nunc facio; et per vota nostra ipse nunc surgat nobis dicatus Mephostophilis.
2

Mit dieser Formel beschwört Christopher Marlowes Dr. Faustus in dem gleichnamigen Theaterstück Ende des 16. Jahrhunderts den Teufel. Als dieser daraufhin in Gestalt eines widerlichen Drachens erscheint, schickt Faustus ihn wieder weg mit der Bitte, in angenehmerem Äußeren wiederzukommen. Die Gestalt eines Franziskaners hält Faustus für passend. Folglich erscheint Mephisto als Mönch.

Eine Beschwörung ist jedoch mehr als nur die passende Formel für den rechten Augenblick. Umfangreiche Vorbereitungen, die sich über Monate erstrecken können, sind nötig, und alle Schutzvorkehrungen müssen getroffen sein, um nicht selbst zum Opfer des herbeigerufenen Dämons zu werden. Insbesondere bei allen Arten des Schadenszaubers muss man größte Vorsicht walten lassen, soll der Zauber sich nicht gegen den Ausübenden wenden. Der „Schlüssel Salomonis - Clavicula Salomonis“, eine Sammlung von Formeln und Sprüchen aus dem 12. bis 14. Jahrhundert, ist in diesem Punkt eindeutig.

Doktor Faustus ist nur eine der großen Magiergestalten der frühen Neuzeit. Agrippa von Nettesheim ist ein weiterer Name, der in keiner Aufzählung von Schwarzkünstlern fehlen darf. Während als Hexen verschriene Frauen üblicherweise der Unterschicht entstammten und nach der Denunziation schlimmsten Folterungen ausgesetzt waren, die erst mit der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen endeten, erging es ihren Kollegen von der schwarzen Zunft weitaus besser. Der Unterschied zwischen ihnen ist nicht nur in einem Bildungsgefälle zu sehen. Auch geschlechtsspezifische Vorurteile mögen eine Rolle gespielt haben. Machte ein Kräuterweib sich wegen ihres andersartigen Verhaltens verdächtig, war dies nicht minder der Fall bei Alchimisten oder Naturwissenschaftlern, denen der Ruf eines Magiers vorauseilte. Doch im Gegensatz zu dem ahnungslosen Kräuterweib hatten ein Faust oder Agrippa meist noch genügend Zeit, sich misstrauischen Behörden durch Flucht zu entziehen.

Bilwis
Unter den vielen Naturgeistern, die die Welt des mi
ttelalterlichen Bauern heimsuchten, war der Bilwis, in Nordbayern Bilmesschnitter oder Binsenschneider genannt, ein besonders übler Bursche. Verwandt mit kannibalischen Artgenossen, sitzt er im Getreide und tötet Vorübergehende, die ihn nicht grüßen, oder schneidet mit seiner Sichel Kindern die Füße ab. Es handelt sich um einen Mann mit übernatürlichen Kräften, der fremde Felder aberntet. Dazu benutzt er eine Sichel oder sichelähnliche Scheren, die an seinen Zehen befestigt sind. Manchmal geht er unsichtbar zur Arbeit, ein anderes Mal trifft man ihn nackt, aber auf Stelzen an. Mitunter erscheint er in Vogelgestalt oder in Gesellschaft eines Bockes. Hinter ihm steigt Rauch auf, und das Getreide ist verbrannt, wenn er die Straße entlang geht. Steht ein Streifen Getreide dünner als die übrigen auf dem Feld, nennt man das Bilwisschnitt.3

Mahr, Alb, Trude, Elben heißen die Geister der Natur. Nach ihren Tänzen lassen sie Hexenkreise zurück. Sie sind nicht immer abgrundtief böse. Aber oft genug entpuppen sie sich als Kannibalen:

In the neighbourhood of Cantal a boy was made to participate in their [the elves’] magic whirl. At midnight the moon became visible and at that very moment the beautiful maidens changed and he saw only hideous skeletons from the openings of whose skulls there issued flames. The fetid corpse of a child, who had died unbaptized, was brought forward, and the group was preparing for a horrible banquet when the pronouncing of a saint’s name made them all vanish.4

Gerätschaften/Ausrüstung
Alle ihre Gerätschaften sollte sich die Hexe selbst anfertigen. Auch in diesem Punkt ist der
Schlüssel Salomonis eindeutig. Zu festgelegten Zeiten (Mitternacht/Vollmond) an festumrissenen Orten (Kreuzung/Friedhof usw.) müssen die Materialien gesucht bzw. bearbeitet werden. Dies nimmt oftmals Monate in Anspruch.

Hostie. Charakteristikum des Hexenkults ist die Verunehrung christlicher Insignien. Einige Kunst wurde darum aufgewandt, geweihte Hostien aus der Kirche zu schmuggeln, zum Beipiel indem man sie unter die Zunge schob. Verfüttert man sie an eine Kröte und verbrennt diese anschließend, ist man im Besitz eines unfehlbaren Mittels, Schaden zuzufügen.5

Namen und Taufe. Hin und wieder entweihten Hexen auch das Sakrament der Taufe. Obwohl Berichte über Hexentaufen dünn gesät sind, ist die Namensgebung wesentlicher Bestandteil bei der Aufnahme in eine neue Religionsgemeinschaft. Dazu gehört auch, allen Glaubensgemeinschaften, denen man etwa vorher angehörte, abzuschwören, hier: dem Christentum. M.A. Murray führt umfangreiche Listen an, um zu belegen, dass der Umfang der zu wählenden Namen sehr beschränkt war.

Agnes Sampson and her daughter, Barbara Napier, Donald Robson, Euphemia McCalyan, Jonett Stratton, John Fian, Margret Thomsoun, Robert Grierson und George Mott’s wife6 sind die Namen von neun Hexen, die 1590 in North Berwick beschuldigt wurden, einen Anschlag auf das Leben James’ VI. vorbereitet zu haben, Mary Stuarts Sohn, zu der Zeit König von Schottland. Nach dem Tod Elisabeths I. 1603 wurde er König von England und vereinte so in Personalunion den Thron Englands mit dem Thron Schottlands - damit sollte er Großbritannien als politische Macht etablieren.

Vier der oben genannten Hexen wurden hingerichtet, der Rest konnte fliehen. Insgesamt 64 Hexen standen zu diesem Anlass vor Gericht. Neben den vier Exekutierten wurden drei weitere 1594 und eine 1608 hingerichtet. Der Rest, 56 Personen, scheint davongekommen zu sein. Das wirft ein Licht auf britische Gepflogenheiten. Obwohl nicht weniger schrecklich, nahmen die Verfolgungen in England nicht dasselbe Ausmaß an wie auf dem Kontinent.

Was nun die Namen der Hexen betrifft, lassen sie sich M.A. Murray zufolge auf acht Grundformen reduzieren: 1. Ann (Annis, Agnes, Annabel); 2. Alice (Alison); 3. Christian (Christen; Cirstine); 4. Elizabeth (Elspet, Isobel, Bessie); 5. Ellen (Elinor, Helen); 6. Joan (Jane, Janet, Jonet); 7. Margaret (Marget, Meg, Marjorie); 8. Marion (Mary).7

Was an dieser Liste auffällt, ist die Abwesenheit von Namen sächsischen oder skandinavischen Ursprungs. Aus dem Alten Testament stammende Namen führt Murray so gut wie gar nicht auf, ebenso kann man typisch puritanische Namen wie zum Beispiel Temperance außer acht lassen. Murray bestreitet nicht, dass manche dieser Namen durchaus den Eindruck erwecken, neutestamentarischen oder griechischen Ursprungs zu sein. Doch hebt sie hervor, dass es eine britische Göttin namens Anna gab, auf die alle Formen von Ann, aber auch die Endungen in Alison und Marion zurückgehen könnten. Der Name Christian impliziert, folgt man Murray, auch die Existenz einer anderen als der christlichen Religion. Nimmt man Isobel als Variante von Elizabeth, stellt Murray die Frage, ob nicht Isobel der Name der ursprünglichen Gottheit war und erst von Missionaren zu einer Variante von Elizabeth christianisiert wurde. Helen war schon in vorchristlicher Zeit ein gängiger Name auf der britischen Insel. Die ursprüngliche Form von Margaret nun war Marget, und stellt man in Rechnung, daß g und y dialektal austauschbar sind, hätte man hier eine erstaunliche Ähnlichkeit zum Finnischen Marjatta.

Mary nun ist eindeutig als christlicher Name zu identifizieren. Doch taucht der Name vor 1645 auf den britischen Inseln so gut wie gar nicht auf, während umgekehrt nach 1645 der Name Marion nicht mehr benutzt wird. Daraus schließt Murray, dass es sich bei Marion um die frühere Form handelt und Mary lediglich die Abkürzung des längeren Marion ist.

Für den Namen Joan hält Murray keine Erklärung parat. Doch weist sie auf dessen zahlreiches Erscheinen hin, das das zahlenmäßige Auftauchen der übrigen Namen um Längen schlägt.

Opfer. Tiere und Menschen wurden geopfert. Dem Bilwis trug man Kinder zu oder - in späteren Zeiten - ersatzweise deren Kleidung. Vor allem Wassergeister waren auf derartige Opfer angewiesen. Noch heute wirft man Münzen in Brunnen, Relikt wesentlich älterer Bräuche mit wesentlich anderen Opfergaben. Mit der Herrschaft des Christentums hörten die Menschenopfer auf. Doch immer wieder sagte man den Hexen nach, sie würden ungetaufte Kinder stehlen, um diese Satan zu weihen und zu opfern. In diesen Zusammenhang gehören Berichte über Kindermord und Kannibalismus. Wesentlich war, dass das Kind noch nicht getauft und damit nicht zur christlichen Gemeinschaft zugehörig war. Murray berichtet von einem Fall aus dem Jahr 1661, bei dem fünf Frauen, darunter eine Helen Guthrie, den Leichnam eines ungetauften Kindes vom Friedhof in Forfar stahlen und Teile davon verzehrten:

and took severall peices therof, as the feet, hands, a pairt of the head, and a pairt of the buttock, and they made a py therof, that they might eat of it, that by this meanes they might never make a confession (as they thought) of their witchcraftis.’8

Dass es sich hier um Sympathiezauber handelt, ist unbestreitbar. Indem sie das Fleisch eines Kindes aßen, das noch nicht sprechen konnte, glaubten die Frauen, selbst auch Stillschweigen zu bewahren.

Doch kann der Unterschied zwischen Kindsmord im Zusammenhang mit Hexerei und späteren Zeiten wie dem 18. Jahrhundert gar nicht genug betont werden. Vielleicht gab es tatsächlich noch Menschenopfer, während die Scheiterhaufen lohten. Doch wurde im 18. Jahrhundert eine arme Magd des Kindsmords beschuldigt, handelte es sich in der Regel um ein junges Mädchen, das von einem gewissenlosen Brotherrn verführt worden war und das sich nicht anders zu helfen wusste, als das ungewollte Kind zu töten, meist indem sie es mit einem Kissen erstickte oder ertränkte. Hier sieht man, wie Berichte über ähnliche Tatsachen einerseits auf die Praxis satanischer Menschenopfer, andererseits ganz profan auf ungerechte soziale Verhältnisse zurückgeführt werden können. Die Balladenliteratur des 18. Jahrhunderts nahm sich dieser Themen ausgiebig an. Man denke nur an Gottfried August Bürger. Aber noch Brecht prangerte ungerechte soziale Verhältnisse an, die einem jungen Mädchen statt der Abtreibung nur den Ausweg des Kindsmords ließen.

In jedem Fall spielte im Zusammenhang mit dem Opfern von Kindern oder Vergiften anderer Menschen der Verzehr magischer Mahle eine Rolle. Finger und andere Körperteile nehmen darin eine herausragende Rolle ein.

Rituelle Tänze, Opfer - von Tier oder Mensch - und Sprüche gehörten zum magischen Inventar der Hexen. Ziel war, die Fruchtbarkeit des Bodens oder der Herden zu steigern. Diana, Breton und Hou heißen die Gottheiten, zu denen sie beteten. Masken und orgiastische Feste gaben dem Ganzen später den Flair des Unheimlichen. Die Kirche hatte für all diese Adressaten nur einen Namen parat: den Teufel.

Salbe. Die Hexensalbe spielt eine wesentliche Rolle in vielen der Berichten über Hexen. Bei Haussuchungen wurde sie oftmals sichergestellt. Auch wenn es sich nur um ein Stück ranziger Butter handelte, galt die arme Frau, der es gehörte, als überführt und war des Todes. Margret A. Murray überliefert drei Formeln für die sogenannte Flugsalbe. Sie übersetzt sie aus dem Französischen ins Englische. Wir werden hier die französische und englische Form wiedergeben und anschließend die deutsche Übersetzung:

1. Du persil, de l’eau de l’Aconie, des feuilles de Peuple, et dela suye./2. De la Berle, de l’Acorum vulgaire, de la Quintefeuille, du sang de chauuesouris, de la Morelle endormante, et de l’huyle./3. De graisse d’enfant, de suc d’Ache, d’Aconite, de Quintefeuille, de Morelle, et de suye.

These formulae may be translated as follows:

1. Parsley, water of aconite, poplar leaves, and soot./2. Water parsnip, sweet flag, cinquefol, bat’s blood, deadly nightshade, and oil. /3. Baby’s fat, juice of water parsnip, aconite, cinquefoil, deadly nightshade, and soot.9

1. Petersilie, Eisenhut-Lösung, Pappelblätter und Ruß./2. Pastinake (-Lösung?), Schwertlilie, Fingerkraut, Fledermausblut, Tollkirsche und Öl./3. Kinderfett (aus dem Leichnam eines ungetauften Kindes gewonnen), Saft von Pastinake (oder Pastinake-Lösung), Eisenhut, Fingerkraut, Tollkirsche und Ruß.

Etwas genauer ist folgende Anleitung:

... nehme man Samen von Taumellolch, Bilsenkraut, Schierling, roten und schwarzen Mohn, Portulak, jeweils vier Anteile, und einen Teil Tollkirsche. Aus diesen Samen bereite man ein Oel, von dem je 28g mit 1,2g Opium gemischt werden.10

Eine andere Zusammensetzung nennt Tollkirsche, Stechapfel, Bilsenkraut, Fliegenpilz und Krötensekrete als wesentliche Bestandteile. Folgt man manchen Autoren, handelt es sich um halluzinogene Substanzen, deren Anwendung in falscher Dosierung tödlich enden soll und deren Besitz strafrechtliche Fragen aufwerfen könnte. Insbesondere beim Fett aus dem Leichnam eines ungetauften Kindes dürfte es sich um eine wirkungslose Zutat handeln, die allein tiefstem Aberglauben entsprungen ist. Anscheinend stehen wir hier vor den Überresten in grauer Vorzeit praktizierter Menschenopfer und rituellen Kannibalismus.

Der Schrat. In Schweden gibt es eine Abart des Hausgeistes - spiritus familiaris, die man skrate nennt. Er erscheint als feurige Gestalt mit einem langen Schwanz, als Henne oder Möwe. Er bringt seinem Besitzer Geld, Getreide, Milch und so weiter, indem er es andernorts stiehlt. Man kann ihn auf verschiedene Arten herstellen. Zum Beispiel kann ein alter Kessel als Kopf dienen. Die Nase ist eine Glasscherbe, die Arme bestehen aus einer Garnspule, mit der eine hundert Jahre alte Frau gearbeitet hat. Diese Puppe stellt man drei Donnerstagnächte hintereinander an einem Kreuzweg, also einer Kreuzung auf. In der dritten Nacht schneidet man sich in den Finger, lässt etwas Blut auf den skrate tropfen und murmelt: „Devil, I give thee my soul, give me thy treasures.“11 - Teufel, ich gebe Dir meine Seele, gib mir Deine Schätze. Um den skrate loszuwerden, reißt man ihn in Stücke und wirft diese ins Wasser oder man trägt sie zu der Kreuzung, wo er gemacht wurde, betet zu Gott und schiebt ihn von sich weg.

Termine/der Hexensabbat. Zu bestimmten Zeiten kamen die Hexen zusammen, um zu tanzen. Unter dem Vorsitz des Teufels feierten sie die ganze Nacht hindurch. Der 1. Mai und der 31. Oktober sind bekannte Daten. Bei uns heißt die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai noch heute Hexennacht. Keine Frage ist, dass die phallischen Formen der Maibäume, die mancherorts heute noch aufgestellt werden, ursprünglich auf einen Fruchtbarkeitskult zurückgehen. In diesem Zusammenhang gewinnt das zweite Datum an Bedeutung. Der 31. Oktober, der Abend vor Allerheiligen, heißt im angelsächsischen Sprachraum Halloween. Dieses Wort wiederum ist eine Kontraktion von „all hallows’ eve“ und heißt zu deutsch nichts anderes als - Hexennacht. Doch sind der 1. Mai und der 31. Oktober, bezieht man sie auf einen Fruchtbarkeitskult, keinesfalls Daten, die in irgend einem Zusammenhang mit den Gepflogenheiten des Ackerbaus stehen. Dafür haben sie aber einen Bezug zu den Fruchtbarkeitszyklen der Tierwelt. Schon Murray zog daraus den Schluss, dass sie Bezugspunkte waren für eine aus Jägern bestehende Gesellschaft und einem voragrarischen Kult entstammen. Damit weisen sie zurück in die Frühgeschichte Europas, höchstwahrscheinlich in eine Zeit vor der Sesshaftwerdung der Stämme.

In Großbritannien heißt der 30. April May Eve, Roodmas oder Rood Day. In Deutschland nennt man ihn Walpurgisnacht. Neben dem 31. Oktober sind der 2. Februar, Mariä Lichtmess, und der 1. August, das alte keltische Lammas, signifikante Daten. Erst später kamen die Termine des Sonnenjahres hinzu, Beltane im Mittsommer und das Yulfest in der Mitte des Winters, natürlich auch Ostern, doch handelt es sich bei Letzterem um ein bewegliches Fest. Das Christentum behielt diese Feste bei, nun jedoch unter christlichem Vorzeichen. Doch vielleicht verwundert darum die Tatsache nicht, dass Hexen in der Regel alle christlichen Feste einhielten - waren sie doch ihre eigenen.12

Tierverwandlung
Der Glaube an Tierverwandlungen lässt sich durch schamanische Riten erklären. Eng verwandt damit ist der Glaube an die Seelenwanderung. Tatsache scheint zu sein, dass mythisches Denken die Verwandlung als solche akzeptierte, wenn der Schamane durch Umlegen eines Felles und entsprechendes Verhalten das jeweilige Tier imitierte. Margret A. Murray berichtet von „verwandelten“ Hexen, die ihre Kolleginnen zum Mitkommen aufforderten. Sinnigerweise sagten sie ihnen, in welches Tier sie sich verwandelt hatten. Anders hätten die guten Frauen wohl kaum gewusst, um was es eigentlich ging. Das erklärt auch den Glauben an Lykanthropie (= Haut wechseln). Bereits älteste germanische Überlieferungen sprechen von Werwölfen. In einer Gesellschaft nomadisierender Jäger waren solche Rituale wahrscheinlich gang und gäbe und überlebenswichtig. Denn indem man die Gestalt des Tieres annahm, konnte man seinen Geist beschwören, es leichter erjagen und sich zugleich vor der Rache des vorab versöhnten Geistes schützen. Derartige Berichte in übersteigertem Rationalismus als bloßen Aberglauben abzutun, hieße unwissenschaftlich handeln. Vielmehr ist wahrscheinlich, dass wir hier tatsächlich vor den Überresten einer prähistorischen Religion stehen, deren Ursprünge in die Steinzeit zurückreichen. In Arne Runebergs Worten:

It is obvious ... that a clinging to the hyper-sceptical and hyper-rationalistic theory of medieval witchcraft as a product of theological speculation only, leads to absurdities. It may scarcely be doubted that we have here to do with ancient, primitive magic, surviving from periods, from which we have otherwise only archeological finds.13

Zweifellos spielen hier auch totemistische Züge eine Rolle. Den Stamm in Totem-Clans einzuteilen, dessen Mitglieder von verschiedenen Tieren oder Pflanzen abstammten, half mit, die Kräfte der Natur zu kontrollieren. Denn Aufgabe der Clan-Mitglieder war nicht zuletzt, ihr jeweiliges Totem durch Magie zu beeinflussen. Runeberg geht sogar so weit, die symbolische Verbindung europäischer Nationen mit einem bestimmten Wappentier auf totemistische Ursprünge zurückzuführen. Der gallische Hahn ist hier zu nennen, und die schweizerische Stadt Bern scheint auf den Ruinen eines Bärenkults gegründet zu sein.14

Wahrscheinlich ist auch, dass Jäger und Krieger sich in Geheimbünden zusammenschlossen. Die Erzählungen von Odins wilder Jagd mögen hier ihren Ursprung haben. Man kann fragen, ob nicht sogar heutzutage bestimmte Fastnachtsumzüge in manchen Gegenden darauf zurückgehen - obschon bereits Höfler mit nicht zu überhörender Ironie fragte, wie es denn möglich sei, dass die Menschen des 17. Jahrhunderts in dem Umzug als Krieger, Jäger und Teufel Maskierter den Wind erkennen konnten oder ähnliches. Hans Sachs berichtet von einem derartigen Treiben:

... Ein pfeiffen unnd ein trummel
Sambt eym grossen gethummel
Lautem gekleng mit schellen,
Viel fewerwercks ergellen,
Zinck, platz, puff, zinck, platz, puff.
Mit dem eylend her-luff
On alle ordnung sehr,
Samb wers das wütend heer,
Waren vermummet gar,
Das man ir keynen kendt.
Voran im spitz her rendt
Etwas bey neuntzig paren
Die all geklaydet waren
Inn fechschwentz rauch vnnd zottet,
Ir scheinpart wüst unnd knottet
Gleich den löwen und katzen,
Unnd andern grewling fratzen,
Aller sach unnd gestalt,
Wie man die teuffel malt.
Hetten an ihn schaf-glocken,
Warfen fewer erschrocken.
Die machten raum der schar.
Auch loffen etlich par
Holtz-mender unnd holtz-frawen.
darundter thet ich schawen
Riesen, die trugen gfangen
Zwerglein an eyssren stangen.
Nach dem loff her ein schar,
Schnee-weiss bekleydet war
Inn atlass unnd samet ...
15

*

Ein Wort zum Schluss

Wie erkennt man eine Hexe? Woran? Margret A. Murray war am Ende ihrer Untersuchung um eine Antwort nicht verlegen. Viele der aus den Prozessakten überlieferten Charakterzüge seien typisch. So das Hexenmal. Da die Berichte sich im Wesentlichen gleichen, könne man einen gewissen Wahrheitskern darin ausmachen, ist ihre These. Carlo Ginzburg stützt diese Sichtweise. Er untersucht nicht die von der Inquisition erzwungenen Antworten, sondern Abweichungen vom erwartbaren Muster. In seiner gelehrten Studie Hexensabbat – Entzifferung einer nächtlichen Geschichte (Frankfurt, 1997) entwirft er das Bild einer uralten keltischen Religion, die in Europa bis ins 16. Jahrhundert überlebte.

Wir folgten Murray und anderen für eine Weile in eine der finstersten Epochen europäischer Geschichte. Wir haben beobachtet, wie vernunftbegabte Wesen, intelligente Menschen, die Kirchenleute des 16. und 17. Jahrhunderts, sich als weitaus weniger aufgeklärt erwiesen als ihre Kollegen mehr als ein halbes Jahrtausend zuvor. Die Pogrome kann man nur mit einem Wort umschreiben: Horror. Ich verzichte bewusst auf den Ausdruck Wahn, denn das Ganze hatte Methode. Vielleicht habe ich ein bisschen Verständnis geweckt für jene Menschen, die ein qualvolles Martyrium erleiden mussten, und ich hoffe, dem Leser ein klein wenig die Augen geöffnet zu haben.

Geschichtliche Vorgänge lassen sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen, auch wenn wir das manchmal gerne hätten. Unsere Welt mag komplex sein. Aber nicht weniger komplex war die Welt des ausgehenden Mittelalters. Die Probleme mögen andere gewesen sein, doch die Wesen, die mit ihnen zu kämpfen hatten, waren wie wir: Menschen. Menschen, die sich täuschen ließen und Irrlehren folgten. Menschen, die zum Teil unmenschlich handelten. Aber Menschen.

Zwischen ihnen und uns liegen Jahrhunderte. Aber mehr noch als die Zeit trennt uns das Bild, das wir uns von unserer Welt machen. Man mag auf die Aufklärung schelten. Doch können wir sie nicht umkehren. Wir alle sind ihre Kinder, sie bestimmt unser Denken und reicht tiefer in unser Bewusstsein, als wir es ahnen. Wer würde heute noch an Werwölfe glauben? Noch vor vierhundert Jahren hielt man sie für Realität. Aber sind wir darum auch tatsächlich aufgeklärter? Noch heute sollen in Italien Männer in die Hosentasche langen und ihre Finger überkreuzen, um ihr bestes Stück zu schützen, wenn sie einer Nonne begegnen. Aberglaube?! Das Christentum glaubte, die Weltgeschichte habe ein Ziel, nämlich die Wiederkunft des Messias und letztlich die Vereinigung Gottes mit seiner Kirche. Nach Nietzsche hat man - im Zeitalter des unbegrenzten Konsums - die Instanz Gott ein wenig aus den Augen verloren, aber dennoch das Konzept der zielgerichteten Weltgeschichte beibehalten. Daraus resultierte blinder Fortschrittsglaube, der zum schier grenzenlosen Vertrauen in die Möglichkeiten der Technik einerseits, zur Doktrin der Leistung um der Leistung willen andererseits degenerierte.

Schon die ersten Gebäude, in denen Börsen untergebracht waren, waren architektonisch griechischen Tempeln nachempfunden. Noch heute darf in keiner Sparkasse eine Säule fehlen. Zufall? Unser Liebstes tragen wir nahe dem Herzen - in der Brieftasche nämlich. Das 20. Jahrhundert war ein einziger Tanz ums goldene Kalb. Und das 21.?

Das Böse gab es schon immer auf der Welt. Es ist nicht aus ihr verschwunden, auch wenn wir es heute vielleicht nicht mehr unbedingt Teufel oder Satan nennen. Hans Jürgen Seemann und Rainer Meier betiteln ihre Studie über die Wirkweise der Schikane Das Prinzip Bosheit (Weinheim/Basel, 1988). Es scheint angebracht, den Blick wegzulenken vom personifizierten Bösen hin zum Psychologischen. Aber damit haben wir auch die Möglichkeit, es zu ändern. Der Weg dorthin ist jedoch weit und nicht ohne Mühe. Gehen wir ihn.

 

Literatur zum Weiterlesen

Um den Rahmen nicht zu sprengen, habe ich hier nur die Literatur aufgelistet, die ich direkt zitierte oder die bei weiteren Fragen den notwendigen Hintergrund zu vermitteln vermag. Ich hoffe, dass diese kleine Bibliographie dem ein oder anderen Leser eine Hilfe ist und dass auch diejenigen, die mehr wissen als ich, sie mit Wohlgefallen betrachten.

Hexen:

Bächthold-Stäubli (Hg.), Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. III.

Baschwitz, Kurt, Hexen und Hexenprozesse, Die Geschichte eines Massenwahns und seiner Bekämpfung (München, 1963).

Baumgarten, Achim R., Hexenwahn und Hexenverfolgung im Naheraum, Ein Beitrag zur Sozial- und Kulturgeschichte (Frankfurt am Main/Bern/New York/Paris, 1987).

Der Duden in 10 Bänden, Bd. 7: Etymologie, Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, bearbeitet von Günther Drosdowski, Paul Grebe und anderen (Mannheim/Wien/Zürich, 1969).

Ginzburg, Carlo, Hexensabbat – Entzifferung einer nächtlichen Geschichte (Frankfurt, 1997).

Hansen, J., Zauberwahn, Inquisition und Hexenprozeß im Mittelalter (1900).

Hecht, Ingeborg, In tausend Teufels Namen, Hexenwahn am Oberrhein (Freiburg i.Br. 1977).

Heinemann, Evelyn, Hexen und Hexenglauben, Eine historisch-sozialpsychologische Studie über den europäischen Hexenwahn des 16. und 17. Jahrhunderts (Frankfurt am Main/New York 1986).

Jilg, Waltraud, „‘Hexe’ und ‘Hexerei’ als kultur- und religionsgeschichtliches Phänomen“, in: Georg Schwaiger (Hg.), Teufelsglaube und Hexenprozesse, 2. Aufl. (München, 1988), pp. 37-56.

Loichinger, Alexander, „Friedrich von Spee und seine ‘Cautio Criminalis’“, in: Georg Schwaiger (Hg.), Teufelsglaube und Hexenprozesse (München, 1988), pp. 128-149.

Honegger, Claudia (Hg.), Die Hexen der Neuzeit, Studien zur Sozialgeschichte eines kulturellen Deutungsmusters (Frankfurt am Main 1978).

Runeberg, Arne, „Witches, Demons and Fertility Magic, Analysis of Their Significance and Mutual Relations in West-European Folk Religion“, pp. 1-273, in: Societas Scientiarum Fennica, Commentationes Humanarum Litterarum XIV, 4. (Helsingfors 1947).

Schöck, Inge, Hexenglaube in der Gegenwart, Empirische Untersuchungen in Südwestdeutschland (Tübingen 1978).

Schwaiger, Georg (Hg.), Teufelsglaube und Hexenprozesse, 2. Aufl. (München 1988).

Soldan, W.G./U. Heppe, Geschichte der Hexenprozesse, 2 Bde.

Spengler, Oswald, Der Untergang des Abendlandes, Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte (1923), 10. Aufl. (München, 1991).

Sprenger, Jakob/Heinrich Institoris, Der Hexenhammer (Malleus maleficarum), aus dem Lateinischen übertragen und eingeleitet von J.W.R. Schmidt, 9. Aufl. (München 1990).

Voodoo:

Cave, Hugh B., Haiti: Highroad to Adventure (1952).

Gonzalez-Wippler, Migene, Santeria: African Magic in Latin America (1973).

Kyle Kristo, Voodoo (1976).

Langguth, A.J., Macumba: White and Black Magic in Brasil (1975).

Metraux, Alfred, Voodoo in Haiti (1959).

Seabrook, W.B., The Magic Island(1929).

Spencer St. John, Hayti, or the Black Republic (1884).

Tallant, Robert, Voodoo in New Orleans (1946).

Fiktion:

Bates, Brian, The Way of Wyrd, Tales of an Anglo-Saxon Sorcerer (London, 1983).

Pronzini, Bill (ed.), Tales of the dead (London/ New York/ Sidney/ Toronto, 1980).

Tieck, Ludwig, Der Hexensabbat, Novelle, Mit einem Anhang: Aus den Memoiren des Jacques du Clerq, herausgegeben vonWalter Münz (Stuttgart, 1988).

 

Anmerkungen:

1 Vgl. op. cit. p. 151.

2 Christopher Marlowe, The Tragedie of Doctor Faustus, I,iii,244-250, in: Fredson Bowers (ed.), The Complete Works of Christopher Marlowe, 2 vols. (London, 1973), vol. II, pp. 121-271; p. 169.

3 Vgl. Runeberg, „Witches, Demons and Fertility Magic, ...“, pp. 133ff.

4 Vgl. op. cit., p. 140.

5 Vgl. Runeberg, „Witches, Demons and Fertility Magic, ...“, p. 155.

6 Vgl. M.A. Murray, The Witch-cult in Western Europe (Oxford, 1921), p. 250.

7 Vgl. hierzu und den diesbezüglichen Schlußfolgerungen Murray, The Witch-cult ...., p. 255.

8 Bodin, Fléau, pp. 187-88, zitiert nach: Murray, The Witch-cult ..., p. 159.

9 Murray, The Witch-cult ..., p. 279.

10 Achim R. Baumgarten, Hexenwahn und Hexenverfolgung im Naheraum. Ein Beitrag zur Sozial- und Kulturgeschichte.

11 Op. cit. p 143.

12 Vgl. Murray, The Witch-cult ..., p. 109.

13 Runeberg, „Witches, Demons and Fertility Magic, ...“, p. 58.

14 Vgl. op. cit., p. 63.

15 Höfler; Hans Sachs; zitiert nach: Runeberg, p. 68.