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Der Hexensabbat - die große Party

von Alexander Amberg

Der Sabbat ist die große Zusammenkunft der Hexen. Viele Berichte gibt es darüber. Zu den literarischen Darstellungen gehört Ludwig Tiecks Novelle Der Hexensabbat. Tieck seinerseits stützt sich auf die von Frédéric Baron de Reiffenberg herausgegebenen Memoiren des Jacques du Clercq. Unter anderem beschreiben diese einen Sabbat, der aus der Sicht eines Inquisitors wiedergegeben wird:

Daß, wenn sie [einige hingerichtete Hexen] zu besagter Waldenserzusammenkunft gehen wollten, sie mit einer Salbe, so der Teufel ihnen gegeben hatte, eine recht kleine hölzerne Rute salbten sowie ihre Handflächen und Hände, sodann selbes Rütlein zwischen ihre Beine steckten und alsbald dahin davonflogen, … und trug sie der Teufel an den Ort, wo sie ihre Versammlung halten sollten, und an diesem Ort fanden sie einer den anderen, die Tische voll besetzt mit Wein und Fleisch, und dort fanden sie den Teufel in Gestalt eines Bockes, Hundes oder Affen und niemalen eines Menschen, und sie brachten besagtem Teufel Opfer und Andacht dar und beteten ihn an und gaben ihm meistenteils ihre Seelen und fast alles oder zum wenigsten irgendeinen Teil ihres Körpers; dann küßten sie den Teufel in Bocksgestalt auf den Hintern, das ist auf den Arsch, mit brennenden Kerzen in ihren Händen, ... und nach dieser Verehrung traten sie auf das Kreuz und spien ... darauf, Jesu Christo und der Heiligen Dreieinigkeit zum Trotze, wiesen dann den Arsch gen Himmel und das Firmament, Gott zum Trotze, und nachdem sie alle gut getrunken und gegessen, pflogen sie alle zusammen der fleischlichen Beiwohnung, und selbst der Teufel nahm die Gestalt von Mann oder Frau an, und sie pflogen Beiwohnung, ... und dort begingen sie sogar die Sünde der Sodomie, der Unzucht zwischen Männern und ... viel andere Verbrechen, so ekelerregend und unmäßig, ebenso gegen Gott wie wider die Natur, ...

..., daß sie die Salbung, die sie vornahmen, wie folgt betätigten: Will sagen, sie nahmen, wenn sie ihr Sakrament empfingen, die geweihte Hostie oder den kostbaren Leib Unseres Herrn Jesus Christus und steckten ihn in einen Topf voller Kröten und ließen ihn dort solange, bis besagte Kröten ihn vertilgt hatten, dann nahmen sie die Gebeine gehenkter Christen und fertigten daraus Pulver, und danach verbrannten und töteten sie die Kröten, und von selben Kröten und dem Pulver besagter Gebeine machten sie zusammen mit dem Blute junger unschuldiger Kinder, mit Kräutern und anderen Dingen besagte Salbe; ...

daß auf ihrer Versammlung der Teufel ihnen predige und ihnen verbiete, in die Kirche zu gehen, die Messe zu hören und Weihwasser zu nehmen, und daß sie, wenn sie es nähmen, um zu zeigen, daß sie Christen seien, sprächen: ‘Möge es unserem Meister nicht mißfallen’, und daß sie nicht zur Beichte gehn sollten, und ebenso sage er ihnen, daß es kein anderes Leben gebe als jenes, in dem wir uns befänden, und daß sie keine Seele hätten, und daß, wenn irgend jemand, der auf besagter Zusammenkunft und Versammlung der Waldenser gewesen sei, sich zurückziehen und bereuen wolle, der Teufel ihn mit einem Stierfiesel schlüge, dergestalt daß sie alle Furcht und Zittern überkäme; ...1

Die Beschreibung ist zwar literarisch und fiktiv. Doch haben wir hier alles, was man sich nur wünschen kann: Hexenflug, Teufelskult, Blasphemien, Unzucht, Hexensalbe und und und ... So oder ähnlich stellt man sich im Allgemeinen den Hexensabbat vor: eine ausschweifende Orgie, zu der die Hexen auf ihrem Besen fliegen, präsidiert vom Teufel persönlich. Alle möglichen Blasphemien werden geäußert, und oft ist von einem Mahl die Rede, das zum Teil fad schmeckt, von anderen wieder als vorzüglich bezeichnet wird.

Weitaus prosaischer mutet dagegen die Zusammenkunft an, die Margret A. Murray wiedergibt. Ersetzt man darin das Wort „Teufel“ durch „maskierter Mann“, verliert die Beschreibung den Charakter des Phantastischen:

They went to Mary Rynd’s house and sat doune together at the table, the divell being present at the head of it; and some of them went to John Benny’s house, he being a brewer, and brought ale from hence ... and others of them went to Alexander Hiechie’s and brought aqua vitae from thence, and thus made themselfes mirrie: and the divill made much of them all, but especiallie of Mary Rynd, and he kist them all except the said Helen herselfe, whose hand onlie he kist; and shee and Jonet Stout sat opposite one to another at the table.2

Ye and each person of you was at several meetings with the devil in the links of Borrowstowness, and in the house of you Bessie Vickar, and ye did eat and drink with the devil, and with one another, and with witches in her house in the night time; and the devil and the said William Craw brought the ale which ye drank, extending to about seven gallons, from the house of Elizabeth Hamilton.3

Im Unterschied zu unserer erstgenannten literarischen Fiktion - die die Sichtweise eines Inquisitors wiedergibt - fällt an allen Beschreibungen des Sabbats, die Hexen geben, auf, dass der Teufel nirgends als negative Figur beschrieben wird. Im Gegenteil. Er spielt zum Tanz auf, treibt seinen Scherz mit den Hexen. Manchen stellt er das Bein, um sich dann vor Lachen den Bauch zu halten. Oft wird er beschrieben als junger Mann in grüner Kleidung. In keinem Bericht über einen Sabbat fehlt das erotische Element. Manchmal stirbt der Teufel während des Festes, um laut betrauert zu werden und kurz darauf wieder aufzuerstehen. Manchmal verwandelt er sich in Bocksgestalt, wird getötet und verbrannt, und die Hexen sammeln seine Asche, um daraus ihre Salben herzustellen. Sind diese Beschreibungen nun den Hexen von lüsternen Inquisitoren auf der Folter in den Mund gelegt? Handelt es sich um Wahnvorstellungen und Hysterie? Oder haben wir hier etwas ganz anderes vor uns?

Nun, da zweifellos Drogen im Spiel waren, kann man Berichte über Besen- und ähnliche Ritte getrost als Halluzinationen abtun. In Südamerika beispielsweise machten Europäer folgende Erfahrung: Wenn sie an religiösen Riten der Indianer teilnahmen, bei denen Drogen im Spiel waren, verfielen sie zwar auch in einen Rausch und sahen wunderschöne Landschaften, Wälder, Flüsse und Berghänge. Aber die Geister, die die Indianer sahen, konnten sie darin nirgends erblicken. Das mag mit der vom jeweiligen kulturellen Umfeld geprägten Erwartungshaltung zusammenhängen. Unsere europäischen Experimentatoren waren nicht vertraut mit der spirituellen Welt der Ureinwohner, konnten darum nicht sehen, was diese sahen. Ähnlich dürfte es sich verhalten, wenn sich heute jemand der (nicht ungefährlichen) Mühe unterzöge, eine sogenannte Flugsalbe auszuprobieren.

In diesem Zusammenhang dürften auch Erzählungen zu sehen sein, die von Unkundigen berichten, die eine Hexe beobachteten und es ihr gleichtun wollten. Oft stießen sie während des Fluges überall an, wo man sich nur stoßen konnte, und konnten noch froh sein, wenn sie vollkommen zerschlagen und voller blauer Flecken nach Hause kamen. Möglicherweise verbergen sich dahinter Erfahrungen des rituellen Drogengebrauchs Unkundiger.

Verwandlungen erklärten wir schon an anderer Stelle als die Maskerade des Schamanen. Tatsächlich dürften Masken und Verkleidungen eine große Rolle gespielt haben bei diesen Anlässen. Manchen Berichten zufolge sollen Männer gar Frauenkleider getragen haben - undenkbar in einer so sehr auf das Rollenverhalten fixierten Zeit wie dem ausgehenden Mittelalter respektive der beginnenden Neuzeit.

Der Kuss als Demutsbezeigung ist aus vielen Kulten überliefert, und dass brave Kirchenleute gerade an sexuellen Praktiken Anstoß nehmen sollten, nimmt nicht wunder. Wie es scheint, gaben sie die Berichte und erzwungenen Geständnisse ohnehin abergläubischer Personen in ihrer eigenen Terminologie wieder und machten aus ursprünglich ambivalenten Naturgeistern, die zu jahreszeitlich festgelegten Terminen in Form einer nach kirchlichen Moralbegriffen zügellosen Festivität beschworen wurden, den Teufel. So interpretiert Runeberg den Hexensabbat.4

Traum, Ekstase und Hysterie genügen nicht als Erklärungsmuster. Sicher sind sie für manche Entstellung verantwortlich zu machen, die uns überliefert ist. Doch können wir uns Runeberg nur anschließen. Hinter den von Drogenrausch, Unwissenheit und theologischem Aberglauben entstellten Berichten kristallisiert sich das Bild heidnischer Fruchtbarkeitskulte heraus, deren Sinn wohl bereits zur Zeit der Hexenverfolgungen nicht mehr ganz erinnert wurde.

Da das Christentum das Heidentum überlagert hatte, scheint es nur natürlich, dass die einfache Landbevölkerung ursprünglich ambivalente Naturgeister, selbst wenn sie den Kulten anhing, nur noch in der von der Kirche oktroyierten Terminologie zu benennen wusste. Das würde erklären, warum der Teufel landschaftlich so viele verschiedene Namen hat, die keinerlei Rückschluss zulassen auf den christlichen Satan, wohl aber auf lokale Naturgeister oder alte, vergessene Gottheiten wie den bretonischen Gott Hou. Diesen Schluss legt zum Beispiel der folgende Vers nahe, den Hexen während des Tanzes gesungen haben sollen: „Harr, Harr, Teufel, spring hie, spring da, hüpf hie, hüpf da, spiel hie, spiel da.“ Die französische Version lautet: „Har, har, diable, diable, saute icy, saute là, iouie icy, iouie là“. Auf der britischen Kanalinsel Guernsey wurde die Formel folgendermaßen überliefert: „Har, har, Hou, Hou, dance icy ...“5

Namen des Teufels, der dem Sabbat vorsitzt, sind zum Beispiel: Grünlaub, Lindenlaub, Lindenzweig, Eichenlaub, Birnbaum, Buchsbaum, Kränzlein, Jüngling, Junker Hans, Hans vom Busch, Nickel, Grossnickel, Laub, Kreutlin, Strohbutz, Läubel, Grünläubel, grüner Jäger Tschaderwaschtl usw. Nach Runeberg6 verweisen sie eher auf volkstümliche Naturgeister als auf ekklesiastische Dämonen. Diese Annahme stützen Berichte vom Tod des Teufels. Während der Feste wurde der Naturgeist beschworen. Da er eine ambivalente Wesenheit ist, war man an seiner freundlichen, Fruchtbarkeit spendenden Seite interessiert, musste aber zugleich die negativen Züge dieses Wesens unter Kontrolle bringen. Rituelle Opferung und Auferstehung lassen sich so deuten. Demzufolge handelt es sich beim Hexensabbat um nichts anderes als die Überreste heidnischer Fruchtbarkeitskulte, die in Europa noch Jahrhunderte nach der Einführung des Christentums praktiziert wurden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass aus dem volkstümlichen Glauben an Naturgeister und jahreszeitlich abgehaltenen Fruchtbarkeitsriten der Glaube an Hexen entstanden sein muss. In einem vorzeitlichen, animistischen Weltbild ursprünglich komplexe Wesenheiten wurden, als man gedanklich die Trennung zwischen Mensch und Numinosem vollzogen hatte, immer mehr eingeengt auf bestimmte Charakterzüge und moralisch bewertet. Die Kirche schließlich hatte in ihrer Terminologie nur noch einen Begriff dafür: den Teufel.

Nachdem ketzerische Sekten wie die der Katharer auf den Plan getreten und weitgehend ausgerottet waren, muss es zu Vermischungen gekommen sein - und fanden sie nur in den Köpfen hypersensibilisierter Kirchenmänner statt. Der bisher ignorierte Volksglaube wurde zum von der herrschenden Religion misstrauisch beäugten Phänomen, dem man schließlich mit Feuer und Schwert begegnete. Die Ursprünge des Hexenglaubens sind m.E. deutlich geworden. Warum aber diese exzessive Gewalt, die in den Verfolgungen zutage tritt?

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Hexenverfolgungen über Jahrhunderte andauerten und lokal unterschiedliche Ausprägungen erfuhren. Eine einzige Erklärung greift hier sicher nicht. Die Gründe sind vielfältig, und wir versuchten, einige Erklärungsmuster darzulegen. Eines müssen wir jedoch immer bedenken: Das Weltbild der Zeit war ein mythisches, in dem alles mit allem verbunden war. Rüttelte man an einem Punkt, bewegte man das Ganze. Kirche und Politik sind im 16. Jahrhundert nicht zu trennen. Wer die von der Kirche vermittelte offizielle Ideologie in Frage stellte, äußerte sich nicht nur zu theologischen Themen. Denn indem er das tat, rüttelte er zugleich an den Grundfesten des politischen Gebäudes.

Als Kopernikus die Erde aus dem Mittelpunkt des Weltalls herausrückte, hatten seine astronomischen Erkenntnisse auch theologische und politische Implikationen. Denn wenn Gott die Welt so geordnet hatte, wie sie war, und jemand bewies, dass es sich andersherum verhielt, dass die Erde eben nicht im Zentrum lag, konnte man fragen: Hat Gott sich geirrt? Ist er unfehlbar? Oder weiter: Gibt es überhaupt einen Gott?

Auf den Staat bezogen, könnte man per Analogie fragen: Wenn die Ordnung der Welt eine andere ist als die offiziell vermittelte, wie verhält es sich dann mit dem Feudalsystem und dem Königtum? Haben unsere Herren das Recht, sich Herren zu nennen? Ist der König überhaupt ein König? Mit welchem Recht? Die politischen Dimensionen der Ketzerbewegungen sind unbestritten. Nach den Umwälzungen des ausgehenden Mittelalters war man in höchstem Maße empfindlich gegenüber derartigen Implikationen. Es gibt zu denken, dass Anklagen mitunter auf Ketzerei, Sodomie und Majestätsbeleidigung gleichzeitig lauteten. Wo alles mit allem verbunden war, war der Königsfeind ein Häretiker, und wer die Kirche verunglimpfte eine Gefahr für den Staat. Wer sexuell gar vom üblichen Rollenverhalten abwich, hatte nicht nur mit gesellschaftlichen Sanktionen zu rechnen, sondern wahlweise mit einer Anklage wegen Ketzerei oder - siehe oben - Majestätsbeleidigung. Es war dieses geistige Klima, das den Nährboden für die Hexenverfolgungen bereitete.

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1 Vgl. Ludwig Tieck, Der Hexensabbat, Novelle, Mit einem Anhang: Aus den Memoiren des Jacques du Clercq, herausgegeben von Walter Münz, (Stuttgart, 1988), pp. 249ff.

2 Murray, p. 141, zitiert nach: Runeberg, p. 231.

3 Murray, p. 142; zitiert nach: Runeberg, p. 231.

4 Vgl. Runeberg, „Witches, Demons and Fertility Magic“, pp. 222ff.

5 Vgl. Runeberg, „Witches, Demons and Fertility Magic“, p. 227.

6 Vgl. op. cit., p. 235.