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Sekten im Mittelalter

von Alexander Amberg

Auf die politische, subversive Dimension des Sektenwesens wies bereits Arne Runeberg hin. Die Berichte von Ethnologen, die sich mit vergleichbaren Vorgängen auf dem schwarzen Kontinent beschäftigten, führten ihn zu dieser Schlussfolgerung. Wo auch immer einheimische afrikanische Naturreligionen oder magische Rituale unter die Knute weißer Kolonisatoren gerieten, war alsbald folgende Entwicklung festzustellen: Was früher, öffentlich ausgeübt, Teil des gesellschaftlichen Lebens war, des Alltags, wurde zwar zurückgedrängt, verschwand aber nicht. Anstatt nun offen ihre Künste zu praktizieren, schlossen Magier oder Priester sich zu Geheimbünden zusammen, in denen ihre Traditionen weiterlebten. Doch Druck erzeugt Gegendruck.

Das geschah auch hier. Die Geheimsekten waren mit der Zeit weniger an der religiösen Komponente ihrer jeweiligen Lehre interessiert als daran, ihre Überlieferungen und somit ihre kulturelle Identität zu bewahren. Geknechtet von den Eroberern, schlossen sie sich enger zusammen und wurden so zu Zellen des Widerstands, die auf einmal eine politische Dimension erhielten. Dass derartige Geheimbünde ein subversives Element darstellen, ist offenbar. Als solches aber sind sie eine Bedrohung für die jeweils herrschende Klasse und dadurch wiederum steigendem Druck ausgesetzt. Ein Teufelskreis.

Eben dies geschah im Europa des ausgehenden Mittelalters. Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden Sekten wie die der Katharer (davon stammt unser Wort „Ketzer“ ab), der Waldenser und Albigenser. In Bosnien hatten die Katharer ihre Hochburg, die Waldenser im Süden Frankreichs. Zu ihren besten Zeiten riefen die Katharer gar einen Gegenpapst aus. Es ist hier nicht unsere Aufgabe nachzuvollziehen, inwieweit hier der Einfluss des aus dem vorderen Orient stammenden Manichäismus wirksam wird. Tatsache ist jedoch, dass die katholische Kirche diesem munteren Treiben nicht tatenlos zusah. Mit Feuer und Schwert ging sie gegen die Sektierer vor. Erfolgreich. Mitte des 14. Jahrhunderts waren die Sekten ausgerottet - wenigstens nahezu. In unzugänglichen Alpenregionen hielten sie sich etwas länger. Aber um wie viel länger?

Ein halbes Jahrhundert nach der letzten Säuberungsaktion erreichen uns immer noch Berichte, die zwar nicht mehr die Begriffe Katharer oder Waldenser gebrauchen, wohl aber, wenn auch in anderer Terminologie, ihre Vorstellungswelt wiedergeben. Nach Runeberg lässt das nur einen Schluss zu. In der alpinen Bergwelt müssen sich Überreste der Sekte erhalten haben. Bedenkt man, dass es zum Beispiel in der rätoromanischen Schweiz auch heute noch, im Jahrhundert der unbegrenzten Verkehrsverbindungen, Täler gibt, die nur schwer zu erreichen sind, klingt dies gar nicht so abwegig. Ideen sind langlebig, und all ihre Träger einfach auszurotten, wurde zwar oft versucht, aber nur selten erreicht.

Das Gedankengut dieser verfolgten Sektierer barg in sich eine gewaltige Sprengkraft. Für die mittelalterliche, hierarchisch gegliederte Gesellschaft, bedeutete es eine akute Bedrohung. Denn ein innerweltliches Christentum zu praktizieren, implizierte eine gewisse Würde des Individuums. Erkennt man aber den Menschen als göttlich an - man denke nur an Joachim di Fiore (12. Jahrhundert) und seine pantheistische Lehre und an diejenigen, die ihm folgten - lässt das doch letztlich nur eine Folgerung zu, und zwar diejenige, die Jahrhunderte später Friedrich Nietzsche ziehen sollte: „Gott ist tot!“

Mag sein, dass den frommen Kirchenleuten der Zeit die Terminologie fehlte, dies auszudrücken. Vielleicht scheuten sie sich auch nur davor, in Worte zu fassen, was für die damalige Zeit so unfassbar war. Fakt ist, dass sie die Vertreter dieser Ideen erbarmungslos verfolgten. Fakt ist aber auch, dass es ihnen nicht gelang, ihr Gedankengut auszurotten. Noch nicht.

Was in abgelegenen Bergregionen überlebte, war jedoch nicht die reine Lehre. Der Kontakt mit dem Volksglauben hatte die ketzerischen Ansichten modifiziert, viele volkstümliche Vorstellungen hatten Einzug gehalten in eine ursprünglich religiöse Sekte. So auch der Hexenglaube - die Überreste eines schamanistischen Kultes.

Seine wesentlichen Merkmale sind bekannt:

1. Eine gewisse Organisation. Hexen sind in Coven organisiert. Jeweils dreizehn Mitglieder, seien sie weiblichen oder menschlichen Geschlechts, bilden den Coven, der einem „Dämon“ untersteht, von Theologen landläufig Teufel genannt. Dass es sich hier lediglich um einen maskierten Mann handelte, war ein Schluss, den das mythische Denkvermögen - auch der Theologen - nicht nachvollziehen konnte oder wollte.

2. Der Initiationsritus. Gemeint ist das Hexenmal. Da die Berichte, wie Hexen zu diesem Mal kamen, einander erstaunlich gleichen, kommt Margret A. Murray zu dem Schluss, es müsse sich um eine Tätowierung handeln. Übereinstimmend berichten der Hexerei angeklagte Frauen oder Männer, einem schwarzen Mann, dem Teufel, begegnet zu sein, der sie berührte und ihnen dabei einen stechenden Schmerz zufügte. Was blieb, war ein Mal, das als blaurot beschrieben wird. Oft befand es sich an der linken Schulter (in Schottland zum Beispiel), manchmal aber auch am oberen Glied des Ringfingers (Frankreich). Auch andere Körperteile konnten Sitz des Males sein. Das zeigt die regionale Ausprägung des Kultes. Weit entfernt davon, eine umfassende Geheimgesellschaft zu sein, waren es oft lokale Gemeinschaften, die das alte Wissen am Leben erhielten. Deshalb auch die regionalen Unterschiede einer in prähistorischer Zeit einst einheitlichen Religion. Prähistorisch heißt: weit über die Bronzezeit zurückgehend.

3. Der Teufelspakt. Mit Blut unterzeichnet, war er wesentlicher Bestandteil des Kultes. Aber was mittelalterliche Theologen als Teufelspakt bezeichnen, ist weit älter. Man denke nur an die Gepflogenheit teutonischer Krieger, sich Odin zu weihen. Kriegerischen Stämmen ist es nichts Neues, dass der Krieger seine Seele dem Gott weiht. Die Vernichtung des Körpers war zweitrangig. Was darauf folgte, war keineswegs die Hölle. Im Gegenteil.

Anscheinend handelt es sich bei dem Pakt mit dem Teufel bereits um eine Abart des Initiationsritus. Opferte man dem Teufel früher einen Tropfen Blut, sagen wir, indem dieser nach einem Stich in den Finger daran saugte, muss die mit Blut geleistete Unterschrift einer späteren, alphabetisierten Zeit zugerechnet werden.

Darüber hinaus führt M. A. Murray noch ein weiteres Merkmal an - die mammae erraticae oder dritte Warze. Phantastisch muten Berichte an, die von Tieren erzählen, meist der Gattung Felidae zugehörig, die nächtens an einem Auswuchs der Hexe saugen, der gemeinhin die dritte Warze genannt wird. Doch erkennt man an, dass es sich hier zwar um eine anatomische Absonderlichkeit handelt, die allerdings keinesfalls so selten ist, wie man glauben könnte, wird auch dies verständlich. Während der Reihenuntersuchungen britischer Rekruten im Ersten Weltkrieg stellten englische Ärzte fest, dass ein großer Prozentsatz der untersuchten Männer über diese Mutation verfügte. Bei Frauen soll sie noch weit häufiger sein. Da hier jedoch der Intimbereich berührt wird, ist es verständlich, dass Berichte dünn gesät sind. Man kann jedoch annehmen, dass in diesem Fall zwei Dinge vermischt wurden: Teufelsmal und dritte Warze. Was ursprünglich als Erkennungszeichen innerhalb des Kultes gedacht war, die Tätowierung der Eingeweihten, wurde in Verbindung mit dem Volksglauben zur physischen Aberration, nach der sadistische Hexenjäger mit Vorliebe suchten. Dass sie sie auch fanden, wurde bereits am Anfang dargelegt. Zur Not halfen sie eben etwas nach.

4. Die Zusammenkunft. Die vierzehntägliche oder monatliche Versammlung des Covens nennt M.A. Murray „Esbat“. Wir dürfen sie nicht verwechseln mit dem Sabbat, der zu größeren Anlässen gefeiert wurde. Bei diesem Esbat tauschten die Hexen sich aus und führten wohl auch das eine oder andere Ritual gemeinsam durch. Im Wesentlichen aber legten sie ihrem Vorsitzenden, Meister oder „Teufel“ Rechenschaft ab über ihre Handlungen und empfingen Anweisungen von ihm. Diese Rechenschaftslegungen scheinen minutiös mitprotokolliert worden zu sein, sodass der Eindruck entsteht, der „Teufel“ habe hier Experimente überwacht. Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich bei den „Hexen“ genannten Frauen wohl auch um Kräuterfrauen handelte, die über ein gewisses medizinisches Wissen verfügten, und auf diese Weise die Zusammensetzung und Anwendung von Arzneien und Mixturen getestet und für den späteren Gebrauch schriftlich fixiert wurden. Das würde auch Erzählungen über Zauberbücher erklären. Das rote Buch von Appin - „the red book of Appin“ - muss eine solche Dokumentation gewesen sein, die recht lange bewahrt wurde. M.A. Murray berichtet davon. Doch können wir uns unschwer vorstellen, dass, als die Pogrome starteten, gerade derartige Aufzeichnungen frühzeitig ein Raub der Flammen wurden, sei es nun, weil die Hexen selbst sie präventiv vernichteten, um Beweismittel zu zerstören, sei es, dass sie der Inquisition in die Hände fielen, wo sie fraglos dasselbe Schicksal ereilte.

5. Der Hexensabbat. Zu bestimmten Zeiten kamen die Hexen zusammen, um zu tanzen. Unter dem Vorsitz des Teufels feierten sie die ganze Nacht hindurch. Der 1. Mai und der 31. Oktober sind bekannte Daten. Bei uns heißt die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai noch heute Hexennacht. Allerhand Schabernack wird an diesem Abend getrieben. Doch während dieser sich in der intakten dörflichen Gemeinschaft einer Agrargesellschaft nach festen Regeln abspielte, artet er in der urbanen Umgebung moderner Wohnsilos nur zu oft in groben Unfug aus. Dass die Arbeiterbewegung ausgerechnet den 1. Mai zu ihrem Gedenktag erwählte, sollte uns zu denken geben. Keine Frage ist, dass die phallischen Formen der Maibäume, die vielerorts heute noch aufgestellt werden, ursprünglich auf einen Fruchtbarkeitskult zurückgehen. In diesem Zusammenhang gewinnt das zweite Datum an Bedeutung. Der 31. Oktober, der Abend vor Allerheiligen, heißt im angelsächsischen Sprachraum Halloween. Dieses Wort wiederum ist eine Kontraktion von „all hallows’ eve“ und heißt zu deutsch nichts anderes als - Hexennacht.

Doch sind der 1. Mai und der 31. Oktober, bezieht man sie auf einen Fruchtbarkeitskult, keinesfalls Daten, die in irgendeinem Zusammenhang mit den Gepflogenheiten des Ackerbaus stehen. Dafür haben sie aber einen Bezug zu den Fruchtbarkeitszyklen der Tierwelt. Schon Murray zog daraus den Schluss, dass sie Bezugspunkte waren für eine aus Jägern bestehende Gesellschaft und einem voragrarischen Kult entstammen. Damit weisen sie zurück in die Frühgeschichte Europas, höchstwahrscheinlich in eine Zeit vor der Sesshaftwerdung der Stämme.

Allgemein bekannt ist, dass die Hexen auf ihrem Besen zum Blocksberg fliegen, um den Sabbat zu feiern. Zuvor reiben sie sich mit ihrer Hexensalbe ein, deren wesentliche Bestandteile Belladonna und das Fett aus dem Leichnam eines ungetauften Kindes sind. Dieser Glaube sollte während der Verfolgungen vielen Unschuldigen zum Verhängnis werden. Oft genügte es schon als Beweismittel, wenn die Schergen der Inquisition bei einer alten Frau ein Stück ranziger Butter fanden, das sie eindeutig als Hexensalbe identifizierten.

Aufgeklärteren Naturen sollte klar sein, dass derartige Berichte nur den Schluss zulassen, dass Drogen eine gewisse Rolle bei den Ritualen dieses Kultes spielten. Eine Droge, als Salbe äußerlich aufgetragen, deren Zusammensetzung sich heute noch erschließen lässt. Dürfte es sich beim Fett aus dem Leichnam eines ungetauften Kindes um eine abergläubische Zutat handeln, die möglicherweise auf ältere Praktiken zurückzuführen ist, die Menschenopfer verlangten, muss Belladonna ein wesentlicher Bestandteil dieses Narkotikums gewesen sein.

Murray und Runeberg stimmen darin überein, dass es bei diesen Zusammenkünften zu rituellem Geschlechtsverkehr gekommen sein muss. Die Aussagen der als Hexen Befragten sind eindeutig. Während aufgeklärte Wissenschaftler darin unter der Folter erzwungene Antworten sehen, die eher Rückschlüsse auf die Psyche der Fragenden zulassen als auf die der Verhörten, abstrahieren Murray und Runeberg daraus die Erscheinung des Teufels als diejenige eines maskierten Mannes. Alle Beschreibungen des Leibhaftigen stimmen im Wesentlichen überein, es gibt nur regionale Abweichungen, sodass man danach sogar einen Steckbrief anfertigen könnte.

Er würde so aussehen: Beim Teufel handelt es sich um einen in der Regel als schwarz bezeichneten Mann mit einem deformierten Fuß, oft als Geiß- oder Pferdefuß bezeichnet. Meist tritt er in den Abend- oder Nachtstunden in Erscheinung. Oftmals berührt er bei der ersten Begegnung sein meist weibliches Gegenüber an der linken Schulter (oder zum Beispiel am Ringfinger der linken Hand - die regionale Abweichung), das dabei einen stechenden Schmerz verspürt. Die Frauen, die mit ihm den Beischlaf ausübten, berichten übereinstimmend, dass sein Glied, wie sein ganzer Körper, extrem kalt sei, viel kälter als der Körper eines normalen Menschen. Wegen der Größe seines Gliedes bereitet der Beischlaf mit ihm oft starke Schmerzen.

Keine Frage, dass gerade der letzte Punkt die Gemüter der Inquisitoren und selbst der keuschesten Mönche in Erregung versetzte. Die Frage, wie groß das Glied des Teufels nun sei und ob geschuppt oder nicht, durfte in keiner Interrogation fehlen.

Es fällt nicht schwer, sich heute über diese Kirchenleute lustig zu machen. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass auch die Opposition gegen den Hexenwahn aus ihren Reihen kam. Und vielleicht weisen ihre Fragen ja doch weniger auf die psychische Disposition notgeiler Geistlicher hin als auf ein tieferliegendes tatsächliches Phänomen: die Existenz des Gehörnten.

Dass es sich dabei um einen maskierten Priester handelte, scheint klar zu sein. Dass dieser sich beim rituellen Geschlechtsverkehr künstlicher Hilfsmittel bediente, ergibt sich aus der Natur der Dinge. Denn auch der Teufel persönlich dürfte Schwierigkeiten haben, einen ganzen Coven zu beglücken, geschweige denn derer mehrere, die sich zum Sabbat zusammenfinden. Die Beschreibung seines Gliedes als kalt wie Eis stützt eine solche Hypothese, ebenso die Tatsache, dass keine der Hexen nach dem Sabbat schwanger wurde. Nur auf ihre ausdrückliche Zustimmung hin schwängerte der Teufel seine Anbeterinnen, und in diesen Fällen scheint der Geschlechtsverkehr ganz normal und schmerzfrei verlaufen zu sein.

Können wir uns diesen „Teufel“ als in eine den ganzen Körper bedeckende Ledermaske gekleideten Schamanen vorstellen? Kopf und Gesicht müssen ebenfalls bedeckt gewesen sein. Wahrscheinlich gehörten zum Kopfputz Hörner - darauf lassen Berichte aus Neuengland schließen, denen zufolge der Teufel bei seinem Erscheinen zunächst für einen Indianer gehalten wurde. Darüber hinaus muss auch der Bocks- oder Geißfuß Bestandteil der Maske gewesen sein.

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Beim mittelalterlichen Hexenglauben scheint es sich also um die Vermischung mehrerer Strömungen zu handeln. Die verwässerte Lehre der Katharer wurde mit dem örtlichen Volksglauben vermengt, und die Hexe war geboren. Aber warum?

Die Erklärung, die Runeberg liefert, ist einfach. Die Naturkonzeption der damaligen Landbevölkerung war eine andere als die unsere. Aber auch eine andere als diejenige der oberen Schichten, vertreten durch die Kirche. Der Bauer sah sich den Einflüssen einer feindlichen oder zumindest doch indifferenten Umwelt ausgesetzt, der er tagtäglich seinen Lebensunterhalt abringen musste. Eine schlechte Ernte bedeutete Hunger, ein verregneter Sommer Not. Für ihn stand fest, dass seine Umgebung von Wesenheiten belebt war, die für all dies verantwortlich waren.

Wasser-, Wald-, Korn- und Hausgeister trieben ihr Unwesen in direkter Nachbarschaft. Aber man konnte sich mit ihnen arrangieren. Hier ein Opfer, da ein Spruch - und vielleicht war die Ernte gerettet, das Vieh wurde nicht krank, dafür das Leben insgesamt sicherer. Kurz: Der Glaube an die Natur beseelende Wesenheiten, mit denen man in Kontakt treten und die man beeinflussen konnte, machte ein hartes Leben erträglicher. In Runebergs Worten:

The art of gaining favour with the spirits or gods of lower popular religion has nothing to do with morals; it is neither ‘good’ nor ‘evil’, nor ist it ‘diabolic’ other than in the eyes of the priesthood. For ordinary people, however, this art was most important, as it held the only possibility of leading a bearable life this side of the grave.1

Wir haben es hier mit einer animistischen Naturkonzeption zu tun. Die Wesen, denen die Landbevölkerung opferte, konnten Heil bringen oder Unheil, oft waren sie materialistisch eingestellt und egoistischer als jeder Mensch. Aber zunächst einmal waren sie moralisch indifferente Wesenheiten, weder gut noch böse an sich. Erst die Lehre der Theologen brachte die moralische Komponente ins Spiel und machte aus Naturgeistern höllische Dämonen, gar den Teufel selbst.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Kirche sich von dieser Entwicklung erst relativ spät bedroht fühlte. Lange Zeit war man geneigt, beide Augen zuzudrücken, solange ein Magier versuchte, mit der Geisterwelt in Kontakt zu treten, um sie unter seinen Willen zu zwingen. Keinen Pardon kannten die Kirchenleute dagegen, wenn derselbe Magier seinen Wunsch als Bitte äußerte, gar Opfer brachte. Denn in letzterem Fall gewann die Zauberei religiöse Züge und war als Ketzerei strafbar. Es ging also auch um die Macht, der sich zu unterwerfen man bereit war. Auch dies mag als Indiz dafür gelten, dass sich die Struktur einer Organisation erst spät herauskristallisierte.

Noch anno domini 785 sprach sich die Synode von Paderborn für die Todesstrafe aus, sollte jemand, vom Teufel fehlgeleitet, eine Hexe - striga - verbrennen. Ausdrücklich betrachtet sie den Glauben an strigae als heidnisch. Um das Jahr 900 verdammte der Canon Episcopi den Glauben an Frauen, die durch die Luft fliegen, als Aberglauben. Ich glaube, gezeigt zu haben, welche Entwicklungen dazu führten, dass knapp 600 Jahre später Theologen, die immerhin Zeitgenossen Leonardo da Vincis oder Shakespeares waren, sich als weitaus weniger aufgeklärt erwiesen als ihre Kollegen aus der Zeit Karls des Großen.

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1 Runeberg, „Witches, Demons and Fertility Magic, ...“, pp. 164f.