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Die Macht des Geldes?

von Alexander Amberg

Warum ging der Hexenwahn weiter, obwohl die Glaubenskriege vorüber waren? Worauf sind die religiösen und politischen Umwälzungen des 16. und 17. Jahrhunderts zurückzuführen? Diese Frage ausführlich zu beantworten, ist hier ganz sicher nicht der Ort. Doch kann man so viel sagen, dass ein neues Wirtschaftssystem sich entwickelte, gleich ob man es nun merkantilistisch oder frühkapitalistisch nennen will. Tatsache war, dass die Produktionsformen der mittelalterlichen Agrargesellschaft begannen, sich zu verändern, und das System des Tauschhandels von einem sich entwickelnden Geldmarkt abgelöst wurde. Der unermessliche Reichtum, den das habsburgische Spanien von Südamerika nach Europa schleppte, führte zu einer Übersättigung des Gold- und Silbermarktes und damit zum ersten Mal in der Geschichte zu der Erscheinung, die man Inflation nennt. Zwar lag die Inflationsrate in England, um nur ein Beispiel zu nennen, über das gesamte 16. Jahrhundert gesehen, lediglich bei 3 Prozent. Darüber können wir heute nur müde lächeln. Doch machten Preissteigerungen sich bemerkbar in einem bis dahin als stabil geltenden System. In Kontinentaleuropa sah es ein bisschen schlimmer aus. Der Kaufkraftverlust insbesondere durch den sinkenden Wert des Silbers führte zu einer Unterschichtung der Gesellschaft. Unter der nicht sehr wohlhabenden Schicht der Bauern und einfachen Handwerker entstand eine Gruppe von absolut Mittellosen.

Betrachtet man heute die Auswirkungen der ‘neuen Armut’ auf das Selbstverständnis großer Teile der Gesellschaft, insbesondere auf den Teil, der sich in der Gefahr sieht, sozial abzusteigen (die Angst ist auch in der als materiell relativ gesichert geltenden Mittelschicht sehr groß), kann man sich die Auswirkungen auf eine Gesellschaft, die keine soziale Absicherung kennt, vorstellen.

Die Hexen des 20. Jahrhunderts hießen in den 30er Jahren: Juden, Zigeuner oder Sozialisten. Sündenböcke für die wirtschaftliche Misere. Eine Misere, von der der Mittelstand und Teile der zuvor relativ gesicherten Arbeiterschaft betroffen waren. Diese Gruppen - man glaubt es kaum - bildeten die Wählerschaft der NSdAP. In den 90er Jahren hießen die Übeltäter: Türken oder Asylanten.

Preissteigerungen machten sich bemerkbar in einem bis dahin als stabil geltenden System, und die unheimlichen Gewinne, die die südamerikanischen Kolonien abwarfen, führten zu einer nie gekannten gesellschaftlichen Mobilität. Das Geld wurde als die alles bewegende Macht erkannt, die es heute noch darstellt, jedoch war es keineswegs negativ besetzt. In England entstanden die ersten Aktiengesellschaften, Zusammenschlüsse von Kaufleuten, die gemeinsam Kaperschiffe ausrüsteten, um sich ihr Stück von dem großen Kuchen zu sichern. Gewinnausschüttungen von bis zu tausend Prozent nach einer erfolgreichen Kaperfahrt waren an der Tagesordnung, und Freibeuter wie Sir Francis Drake standen hoch im Kurs.

Wie erklärt sich, dass in dieser Aufbruchstimmung ausgerechnet der englisch-schottische Monarch James I. eine Dämonologie verfasste (erschienen 1606) und trotz Frühkapitalismus, Naturwissenschaften und bisher nie dagewesener sozialer Aufstiegsmöglichkeiten der finsterste Aberglaube fröhliche Urständ’ feierte?

Sind dies die beiden Seiten ein- und derselben Medaille? Wir dürfen nicht vergessen, dass das Weltbild, das hier ins Wanken geriet, ein mythisches war. Das Mittelalter der gregorianischen Choräle und des Marienkults war beherrscht von der Angst vor dem Teufel. Ganze Heerscharen missgestalteter Dämonen bevölkerten die Nacht und bedrohten weniger das Leben als die unsterbliche Seele des Menschen. Oswald Spengler, ein nicht unumstrittener Autor, fasst dies so zusammen:

Damals lebte jeder in dem Bewusstsein einer ungeheuren Gefahr, nicht vor dem Henker, sondern vor der Hölle. Ungezählte Tausende von Hexen waren überzeugt, es zu sein. Sie haben sich selbst angezeigt, um ihre Entsühnung gebeten, aus reinster Wahrheitsliebe ihre nächtlichen Fahrten und Teufelspakte gebeichtet. Inquisitoren haben unter Tränen, aus Mitleid mit den Gefallenen die Folter verhängt, um ihre Seele zu retten. Das ist der gotische Mythos, aus dem die Kreuzzüge, die Dome, die innigste Malerei und Mystik hervorgegangen sind. In seinem Schatten erblühte jenes gotische Glücksgefühl, dessen Tiefe wir uns nicht einmal mehr vorstellen können.1

Nun, nun, ist man geneigt zu sagen. Vielleicht handelte der eine oder andere Inquisitor tatsächlich aus irgend einem edlen Antrieb heraus? Ähnlich wie ein KZ-Wächter, der das Wort Massenmord durch „ethnische Säuberung“ ersetzt. Aber welche Art von Gehirnwäsche steckt wohl dahinter, wenn jemand sich trotz drohender Folter selbst unmöglicher Schandtaten bezichtigt?

Spengler selbst weist in der Fortsetzung des eben zitierten Passus darauf hin, dass Karl der Große im ersten sächsischen Kapitular 787 den germanischen Glauben an Werwölfe und Nachtfahrende unter Strafe stellte. Noch um das Jahr 1000 sah man derartige Vorstellungen als Irrglauben an. Erst anno domini 1233 kanonisierte die päpstliche Bulle Vox in Rama den Teufels- und Hexenglauben. Was folgte, waren die Ketzerverfolgungen. 1484 veröffentliche Papst Innozenz VIII. Die Bulle Summis desiderantes und brachte so auch in Deutschland die Welle der Hexenprozesse ins Rollen.

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Zwischen den Jahren 1000 und 1233 lagen die Kreuzzüge. Um 1400 hätte ein Papst, der zum Kriegszug ins Heilige Land aufrief, keinen Hund mehr hinter dem Ofen vorgelockt. Und als im 16. und 17. Jahrhundert die enormen wirtschaftlichen Umwälzungen manifest zu werden begannen, wurden Arbeitskräfte en masse gebraucht. So gibt es Autoren, die die Hexenverfolgungen dieser Zeit weniger als Sanktionen gegen einen aus der Vorzeit überlieferten Kult ansehen, sie schon gar nicht als Wahn betrachten, sondern auch als Mittel, die Engelmacherinnen auszurotten. Denn ganz nebenbei verschwanden während der Pogrome nicht nur ungezählte unglückliche Frauen, sondern auch das gesamte bisher im Volk überlieferte gynäkologische Wissen. Mit anderen Worten: Waren radikale Abtreibungsgegner am Werk, die sich aus volkswirtschaftlichen Gründen vehement gegen die Abortion ungeborener Arbeitskräfte einsetzten?

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Femina - die weniger Gläubige

Mit der Erforschung Afrikas und der Entdeckung Amerikas vollzog sich ein entscheidender Wandel in der Wirtschaftsstruktur der Alten Welt. Aus den neu entdeckten und ausgebeuteten Regionen fanden einerseits bislang unbekannte Waren wie Kaffee, Tabak, Kartoffel, Mais u.v.m. ihren Weg auf die Märkte Europas. Dort verdrängten sie einheimische Produkte, was zu strukturellen Verschiebungen des Arbeitsmarktes führte. Andererseits ersetzten Produkte, die in den Kolonien weitaus billiger hergestellt werden konnten (Sklaven erhalten keinen Lohn! Man beachte die Parallelität zu heutigen Produktionsverlagerungen in Entwicklungsländer!), europäische Waren. Auch das wirkte sich auf den Arbeitsmarkt aus.

Die augenscheinlichste Veränderung vollzog sich in der Stellung der Frau in der Gesellschaft. Während vor der Krise Frauen durchaus Mitglieder in Zünften werden konnten, sollte sich das mit der wirtschaftlichen Schwächung der europäischen Märkte rasch ändern. Ein Phänomen, das sich durch einen Großteil der Menschheitsgeschichte zieht. In Zeiten, in denen es an Arbeitskräften mangelt (nach Kriegen etwa), wird Frauen der Weg in die Arbeits- und Berufswelt geöffnet. Sobald ein Überschuss an Arbeitskräften zu verzeichnen ist, werden Mittel und Wege gesucht, diesen Prozess umzukehren.

So auch damals. Die Zünfte waren von Männern dominiert und folglich war es ein Leichtes, Frauen den Zugang zu verschließen.

Mit dem Aufkommen neuer wissenschaftlicher Methoden - die Naturwissenschaften und Medizin nach unserem heutigen Verständnis wurden im ausgehenden Mittelalter geboren - entstand ein Konkurrenzdenken zwischen der neuen und der alten Wissenschaft. Besonders die neue Medizin musste sich auch gegen die Naturmedizin durchsetzen. Dieser Kampf spiegelt erneut den Geschlechterkampf wider. Die traditionelle Medizin wurde von Frauen repräsentiert, die mit ihrem Wissen um die Heilkraft der Kräuter etabliert waren. Die naturwissenschaftlich orientierte Medizin war männlich dominiert. Sie hatte dazu den Nachteil, sich als neue Wissenschaftsrichtung gegen die etablierte Naturmedizin behaupten zu müssen. Das konnte viel besser erreicht werden, indem man das Vorhandene zerstörte, statt ständig im Vergleich damit zu stehen und eventuell zu unterliegen.

Das christliche Frauenbild lieferte Argumente dafür. Die Schuld am Sündenfall Adams wird gerade im Mittelalter Eva angelastet. Auf diese Einstellung rekurrierte man dort, wo es den Interessen entgegenkam, auch in der beginnenden Neuzeit. Das und die Verbindung der Naturheilkunde mit der alten Religion, die jeden, der auch nur in den Verdacht der Sympathie für den traditionellen Glauben kam, zum Ketzer machte, führte zu der entschiedenen Verfolgung insbesondere heilkundiger Frauen ab dem 16. Jahrhundert. Eine Rechtfertigung dafür lieferte nicht zuletzt auch die Herleitung dieser Misogynie aus der Etymologie. Femina - lateinisch die Frau führte man zurück auf fide minus - weniger Glauben. Damit war erwiesen, dass die Frau den Anfechtungen Satans in besonderem Maße preisgegeben war.

In vielen Prozessen wurden Frauen, die als Segenssprecherinnen bekannt waren, verurteilt. Die Segenssprecherinnen stellten - folgt man der Beurteilung einiger Historiker - ein Mittelding zwischen dem christlichen Glauben und dem Aberglauben dar. Einerseits beriefen sich angeklagte Segenssprecherinnen darauf, in Einklang mit dem Glauben gehandelt, nichts Böses getan und den Namen des Herrn nicht beschmutzt zu haben. Am allerwenigsten, sagten sie, seien sie einen Pakt mit dem Teufel eingegangen. Ein Blick auf die Segensspüche zeigt, dass der einleitende Teil oftmals schwer in Einklang mit dem christlichen Heilsglauben zu bringen ist. Ein Bezug zu älteren religiösen Formen lässt sich leicht herstellen.

Sah die Kirche (katholisch wie protestantisch) darin eine Gefahr? Fragt man weiter, so muss man darüber nachdenken, warum so viele nicht-christliche Riten in die Glaubenswelt einflossen. Das Weihnachtsfest ist sicher das bekannteste Beispiel dafür.

Stellten die Frauen, die in der Wissenschaft als ‘Zwischending’ angesehen wurden, vielleicht ein Bindeglied dar, das in der Bevölkerung zwischen beiden Religionstypen (alte und neue Religion) vermittelte, so öffnet sich eine neue Interpretationsmöglichkeit für die Hexenverfolgung.

Waren die verfolgten Frauen eine Gefahr für die Kirchen? Assimilierten sie in ihrem Glauben beide Glaubensinhalte und fanden dabei Rückhalt bei Anhängern beider Richtungen? War die Zahl vielleicht so groß, dass die christlichen Kirchen eine ernsthafte Bedrohung sahen?

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1 Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte (1923), 10. Aufl. (München 1991), p. 915.