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Weihnachten auf Koh Pha-Ngan

von Alexander Amberg

„Dieses Jahr feiern wir Weihnachten anders“, verkündete Diana, als ich an einem trüben Novemberabend nach Hause kam.

„Was heißt anders?“, wagte ich zu fragen, selbst auf die Gefahr hin, mir ein wütendes Funkeln einzuhandeln. Weihnachten war immerhin ein feststehender Begriff, und ich hatte beim besten Willen keine Ahnung, was sie sich unter „anders“ vorstellte. Mir schwante allerdings Schlimmes, als ich den Prospekt des Reisebüros auf dem Tisch liegen sah.

„Verstehe mich nicht falsch“, sagte ich. „Aber zu Weihnachten gehört ein Christbaum mit bunten Kugeln und Lametta, Geschenke, Päckchen, die Familie ...“ Das war ihr Stichwort. Von da an setzte sie ihr gesamtes Arsenal weiblicher Waffen ein, um mir die Sache schmackhaft zu machen. „Und die Zwillinge?“, wandte ich zaghaft ein.

„Denen wird es gefallen. Du wirst schon sehen ...“ Damit war die Reise beschlossene Sache, und auch über das Ziel ließ sie mich nicht länger im Ungewissen.

„Thailand?“, fragte ich entsetzt. Aber als Vanessa und Aileen in der Tür erschienen, ihre Mutter erwartungsvoll ansahen und mit Unschuldsmiene fragten „Fährt Papa mit?“, wusste ich, dass ich verloren hatte. Natürlich war ich derjenige, der sich um alles kümmern musste, und da eine Pauschalreise in der Kürze der Zeit nicht mehr zu bekommen war - wie es aussah, wollte die ganze Welt die Feiertage in Thailand verbringen - da also eine Pauschalreise nicht mehr zu bekommen war, buchte ich wenigstens den Flug bei „Seni-Tours“, besorgte mir die Adresse eines Hotels auf Koh Pha-Ngan, einer Insel im Süden des Landes, und kramte all meine Englischkenntnisse zusammen, um per Fax ein Zimmer zu reservieren. Nachdem diese letzte Hürde genommen war und wir lediglich noch auf die Reservierungsbestätigung warteten, blieb nur ein Problem: Weihnachten. Als eingefleischter Traditionalist weigerte ich mich, auf einen Weihnachtsbaum, brennende Kerzen, Kugeln und Lametta zu verzichten.

„Schon wegen der Kinder“, bekniete ich Diana, und sie ließ sich erweichen. Nach mehreren Telefonaten mit diversen Großeltern und langwierigen Erklärungen, die natürlich auch alle in mein Ressort fielen, wurde der 24. Dezember kurzerhand vorverlegt. Wir beschlossen, den Heiligen Abend schon am Nikolaustag zu feiern, und so fand sich am Abend des 6. Dezember, einem Samstag, tatsächlich die ganze Familie bei uns ein - das heißt der größte Teil, denn die gänzlich Unabkömmlichen hatten selbst am Samstagabend Wichtigeres zu tun, als mit zwei kleinen Mädchen Weihnachten zu feiern. Mein Schwager Achim zum Beispiel. Er war Journalist und schützte Arbeit vor. Ich setzte ihn auf meine schwarze Liste und beschloss, es ihm bei Gelegenheit heimzuzahlen.

Aileen und Vanessa sonnten sich zwar in der allgemeinen Aufmerksamkeit, deren Mittelpunkt sie waren. Dennoch bemerkte ich, wie ihr Unbehagen immer größer wurde, je weiter die Zeit fortschritt. Das hatte seinen Grund, und der war ich; denn am Nikolaustag stand auch mein großer Auftritt bevor, der mittlerweile fünfte meines Lebens. Eigens zu diesem Zweck hatte ich mir ein komplettes Kostüm zugelegt, bestehend aus roter Jacke, roter Hose, Zipfelmütze und Rauschebart. Ich klebte mir falsche Augenbrauen an, stopfte ein Kissen unter die Jacke, zog Ehering und Armbanduhr aus, dafür Handschuhe an, setzte die Brille ab und verstellte die Stimme. Bislang war ich jedes Mal ein voller Erfolg; aber ich wusste, dass meine Tage gezählt waren. Schon im letzten Jahr hatte Vanessa mich ganz intensiv angesehen, als meine rechte Augenbraue verrutschte, und ich konnte die Situation nur retten, indem ich im letzten Moment auf Dianas verzweifeltes Mienenspiel reagierte und geistesgegenwärtig die Zipfelmütze tiefer ins Gesicht zog.

Dafür trieb ich in diesem Jahr die Vorbereitungen bis zur Perfektion. Die Augenbrauen versah ich mit einem neuen Klebestreifen, der zwar unglaublich weh tat, wenn man ihn abzog, aber garantiert hielt, was er versprach. Meine Rolle spielte ich besonders gut, und meine beiden Engel saßen so brav auf der Couch, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Wehmütig fragte ich mich, ob es im nächsten Jahr noch genauso sein würde oder ob irgendein dahergelaufener Schlaumeier ihnen, wenn sie in die Schule kämen, alle Illusionen nehmen würde.

Am besten war jedes Mal die Stelle, an der ich ihr Sündenregister des vergangenen Jahres zitierte. Diana warf mir zwar böse Blicke zu, weil ich es - zugegeben - ein bisschen zu toll trieb. Aber ich hörte sofort auf, als Vanessa das Gesicht verzog und die Gefahr bestand, dass sie gleich zu weinen anfing. Aileen krallte sich an ihre Mutter, und ich holte befriedigt den mit Geschenken beladenen neuen Schlitten ins Wohnzimmer. Mit einem schallenden „Hohoho!“ verschwand ich aus der Wohnung, schloss die Tür hinter mir und raste die zwei Stockwerke höher zu den Müllers, wo ich meine Zivilkleidung deponiert hatte. In Windeseile verpackte ich meine Maskerade, und im allgemeinen Durcheinander der Bescherung hatte ich keine Mühe, mich wieder unters Volk zu mischen.

Aileen war voll und ganz von der Aufgabe in Anspruch genommen, die Barbiepuppe auszupacken, die ihr Oma Anni verehrt hatte. Vanessa war damit beschäftigt, das Puzzle, das sie gerade ausgepackt hatte, auf dem Teppich auszubreiten, hielt aber einen Moment inne, um mir einen merkwürdigen Blick zuzuwerfen. Einen sehr merkwürdigen Blick. Einen forschenden Blick, wie ich zu meinem Schrecken feststellte.

„Ob sie etwas gemerkt hat?“, fragte ich Diana später, als wir im Bett lagen und die Party schon lange vorüber war. „I wo“, sagte sie schläfrig und drehte sich auf die andere Seite. Damit war das Thema für sie erledigt.

Am frühen Nachmittag des 18. Dezember - es hatte gerade zu schneien begonnen und versprach seit Jahren zum ersten Mal, wieder eine weiße Weihnacht zu werden - bestiegen wir in Frankfurt eine Maschine der Lufthansa. Elf ermüdende Stunden später landeten wir in Bangkok. Nach einem Inlandsflug, einer Schifffahrt und einer aufrüttelnden Taxifahrt erreichten wir den Panviman-Resort auf Koh Pha-Ngan, unser neues Zuhause für die nächsten zwei Wochen. Alles war sehr exotisch, die Menschen überaus freundlich, auch wenn ich anfangs kein Wort von dem Englisch verstand, das hier gesprochen wurde. Die Temperatur lag bei vierzig Grad im Schatten und die Luftfeuchtigkeit bei neunzig Prozent.

„Na denn, fröhliche Weihnachten!“, dachte ich, während Diana und die Zwillinge den Urlaub in vollen Zügen genossen. Die Geckos in unserem Zimmer fanden die drei nur „süß“. Als wir die Schlangenfarm in Surratthani besuchten, ließ Aileen sich gleich ein ganzes Bündel wimmelnder Reptilien um den Hals legen. Eine besonders vorwitzige Natter krabbelte ihr übers Genick bis auf den Scheitel, ließ den Kopf vor ihrer Stirn baumeln und züngelte frech ins Gesicht meiner Tochter. Aileen stand stocksteif da, ohne sich zu rühren, aber ihre Augen strahlten. Ich war einer Ohnmacht nahe. Als Diana unbedingt die Warane fotografieren musste, die sich hinter dem Hotel tummelten, legte ich meine Veto ein. Im Fernsehen hatte ich gesehen, wie solche Biester eine ganze Kuh vertilgten - lebendig, wohlgemerkt. Aber ich schaffte es nur, Aileen am Arm festzuhalten, während Vanessa schnurstracks ihrer Mutter hinterher lief. Vom Balkon aus verfolgte ich das Geschehen und rief Diana verzweifelte Warnungen zu, wenn eine der ein Meter fünfzig langen Echsen versuchte, in ihren Rücken zu gelangen. Ich betete, dass sie bald mit dem Knipsen aufhören möge, und wenigstens besaß sie so viel Anstand, Vanessa nicht zu nahe an die gefräßigen Ungetüme zu lassen.

Noch etwas Unangenehmes ereignete sich in dieser Zeit. Am 19. Dezember tauchte beim Abendessen ein Fotograf auf, der ganz ungeniert meine beiden Töchter knipste. Am 20. begegnete ich ihrem Konterfei am Strand. Es hing an einer Palme, in einer Reihe mit den Porträts weiterer Kinder, und unter jedem der Bilder war ein Strumpf aufgehängt. Es gehörte kein Übermaß an Scharfsinn dazu, zu kombinieren, dass man auch in diesem entlegenen Teil der Welt angelsächsischen Weihnachtsbräuchen huldigte. Meine beiden Engel waren ganz außer sich, und ich auch ein bisschen. Zusammen zählten wir die Tage, die noch bis Weihnachten blieben. Amerikanischer Sitte folgend war die Bescherung für den 25. vorgesehen, wie ich von einem Hotelbediensteten erfuhr.

„Noch viermal schlafen“, erklärte ich den beiden, „dann kommt das Christkind.“

Unglücklicherweise hatte eine Familie aus dem Ruhrgebiet, die Suskowskis, den Panviman-Resort über die Feiertage ebenfalls zu ihrem Aufenthaltsort erkoren. Er war in den späten Vierzigern, Elektroingenieur und passionierter Biertrinker, alles in allem ein angenehmer Zeitgenosse, sie eine adrette Erscheinung und ebenfalls recht angenehm. Doch ihr zwölf Jahre alter Ableger erwies sich als wahrer Teufelsbraten. Er hieß Peter, und natürlich musste der Rotzlöffel in eben dem Augenblick an unserem Tisch vorbeischlendern, als ich meinen Töchtern den tieferen Sinn des Weihnachtsfestes erklärte.

„Noch viermal schlafen“, sagte ich, als der Bengel dazwischen platzte: „Das ist doch alles Babykram. Es gibt gar kein Christkind und auch keinen Weihnachtsmann. Das weiß doch jeder.“ Sprach’s und watschelte von dannen. Zurück ließ er zwei verstörte Fünfjährige, deren entsetzte Augen auf mich gerichtet waren. Ich versuchte, ihre Zweifel zu zerstreuen, so gut ich konnte. Aber Vanessa warf mir einen langen, merkwürdigen Blick zu, den ich nur zu gut kannte. Diana rettete mich, indem sie vorschlug, schwimmen zu gehen.

Bis auf diese kleinen Widernisse war der Urlaub himmlisch. Jeden Tag gingen wir an den Strand und kontrollierten die an den Palmen aufgehängten Socken, obwohl ich genau wusste, dass wir erst am 25. etwas darin finden würden. Aileen und Vanessa machten sich einen Spaß daraus, mich damit aufzuziehen, dass mein Bild an keiner Palme angeheftet war, ich ergo auch keine Geschenke bekäme, während ihre Socke Tag für Tag Wind und Wetter trotzte. Am 24., ich war gerade dabei, den beiden lang und breit zu erklären, dass morgen das Christkind kommen würde, sah Vanessa mich ernst an und sagte: „Papa, das Christkind gibt es doch gar nicht.“ Das saß. Ich schwieg betreten. Sie nahm meine Hand, sah mir fest in die Augen und sagte etwas altklug: „Das ist doch Babykram.“ An diesem Abend saß ich mit Herbert Suskowski in der Hotelbar, dachte an glückliche Zeiten unter dem Weihnachtsbaum und feierte den Heiligen Abend mit ein paar Bier.

Aber am 25. war alles ganz anders. Es begann damit, dass es regnete. Es goss geradezu in Strömen.

„Bei so einem Wetter kriegst du mich nicht an den Strand“, erklärte Diana. Da Aileen und Vanessa ohnehin zu ihrer Mutter hielten und auch ich nicht gerade auf einen tropischen Regen versessen war, verbrachten wir den ersten Weihnachtsfeiertag mit Sightseeing. Als wir am späten Nachmittag ins Hotel zurückkehrten, kam Suskowski lächelnd auf uns zu. In der Hand hielt er einen prallgefüllten Nikolausstrumpf, den das Konterfei meiner Töchter zierte. „Das habe ich Ihnen vom Strand mitgebracht“, sagte er lächelnd. „Fröhliche Weihnachten.“

„Fröhliche Weihnachten!“, erwiderte ich.

Natürlich hatte auch ich für unsere private Bescherung vorgesorgt, und die beiden ließen es sich gefallen. Diana ebenfalls. Zu Abend aßen wir außerhalb. Im „Fröhlichen Haifisch“ gab es nicht viel außer Touristen und Meeresfrüchten, aber meine Töchter hatten darauf bestanden. Diana bestellte einen Cocktail mit Meeresfrüchten, die Kinder gegrillten Fisch, nachdem ich sie davon überzeugt hatte, dass es hier kein Schnitzel gab. Ich nahm dasselbe. Am Rande bekam ich mit, dass die Tür sich öffnete und eine Gruppe amerikanischer Touristen sich um den Nebentisch drapierte. Lautstark wünschte man sich „A merry Christmas“ und erzählte Witze, deren Pointe ich nicht mitbekam. Ein dicker Mann lachte ein tiefes „Hohoho“, und ich erhob gerade mein Glas, um meiner Familie ein fröhliches Weihnachtsfest zu wünschen, als ich sah, wie Vanessas Augen sich weiteten. Unauffällig stieß sie Aileen an, und auch Aileen starrte mit ungläubigen Augen und aufgerissenem Mund zum Nebentisch.

Wieder erscholl ein tiefes „Hohoho“, und ich wandte mich um, um festzustellen, was meine Töchter so faszinierte. Mein Blick fiel auf einen beleibten Amerikaner in Bermuda-Shorts und Sandalen. Das Hawaiihemd, das sich über einem Bauch von enormen Ausmaßen wölbte, war bis zum Nabel aufgeknöpft und gab den Blick auf einen wahren Urwald silbergrauer Brusthaare frei. Als Gegengewicht zu seinem schütteren Haupthaar verbarg ein mächtiger weißer Rauschebart das Kinn des Mannes. Wieder lachte er ein tiefes „Hohoho!“

„Papa“, flüsterten Aileen und Vanessa wie aus einem Mund, „ist das der Weihnachtsmann?“ Gebannt hingen sie an meinen Lippen, als ich mich zu ihnen hinüberbeugte und sagte: „Was glaubt Ihr denn!?“

***