Drucken

Weihnachten war vorüber. Das neue Jahr hatte begonnen und mit ihm das Rennen bis zur nächsten Jahreswende. Was vom alten Jahr übrig war, passte in eine Kehrichtschaufel: zerfetzte Feuerwerkskörper, Sektkorken und ein paar Konfetti. Erinnerungen. Mehr nicht. Das Wetter war seltsam deprimierend, so als wollte es regnen. Dann regnete es aber doch nicht. Es war noch nicht einmal richtig kalt, nur ein ungewöhnlich trüber Tag. Ein deprimierender Tag. Einer von der Sorte, die unweigerlich auf jedes Fest folgt, wenn man sich dessen bewusst wird, dass es endgültig vorbei ist und sich grau und öde der langweilige Alltag wieder vor uns erstreckt.

Dies oder etwas Ähnliches mochte der alte Mann denken, der an diesem Morgen gedankenverloren aus dem Fenster sah. Vielleicht träumte er aber auch nur, träumte von den Dingen, von denen alte Männer zuweilen träumen, wenn für einen kurzen Moment die Zeit stillsteht und sie einen Blick werfen in den langen Tunnel, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet.

Für einen unbeteiligten Beobachter sah es so aus, als döse der alte Mann vor sich hin. Chris, der gerade zur Tür hereinkam, war solch ein unbeteiligter Beobachter. Nun gut, nicht ganz unbeteiligt, denn er hatte seinen Großvater sehr gern. Aber die Gestalt, die dort auf dem Stuhl vor dem Fenster saß, den Kopf in die Hände und die Ellenbogen auf die Fensterbank gestützt, gefiel ihm gar nicht. Ebenso wenig gefiel ihm der Blick, der in eine unbekannte Ferne gerichtet war, und die Schatten, die hin und wieder über das zerfurchte Gesicht flackerten. Außerdem war ihm langweilig. Nicht, dass ihm die Ferien nicht gefallen hätten. Ganz im Gegenteil. Ihm war nur irgendwie ... Eben langweilig.

Vorsichtig zupfte er den alten Mann am Arm. „Opa, mir ist langweilig.“ Der alte Mann reagierte nicht. Chris zog etwas fester. „Opa, mir ist langweilig!“

Der alte Mann schrak zusammen. Einen Augenblick lang schien er verwirrt, doch dann begannen seine Augen zu strahlen, und von ihnen ausgehend zerbrach sein Gesicht in Tausende und Abertausende kleiner Falten und Fältchen, bis das Lächeln auch seinen Mund erreichte.

„So, dir ist langweilig!“

Seine Stimme klang belustigt, und tatsächlich lachte er jetzt. „Komm her“, sagte er und legte den Arm um Chris. „Wenn dir langweilig ist, dann hast du zu viel Zeit. Sei froh darüber! Die meisten Menschen haben zu wenig davon.“

Er verstummte, und sein Blick wollte wieder in die Ferne entgleiten. Schon hatte Chris den Mund geöffnet, um irgendetwas zu sagen, was den alten Mann zurückholen könnte, als der Großvater fortfuhr: „Zeig' mir die Uhr, die das Christkind dir gebracht hat.“ Chris hob stolz den Arm mit der neuen Armbanduhr, die munter an seinem Handgelenk tickte.

Er glaubte schon seit einer ganzen Weile nicht mehr an das Christkind. Genauer gesagt: Seitdem er durchs Schlüsselloch gesehen hatte, wie seine Mutter die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legte. Damals war eine Welt zusammengebrochen für ihn. Aber er hatte den Betrug dennoch mitgemacht, um seinen Eltern den Spaß nicht zu verderben. Und warum sollte er den alten Mann nicht in seinem Kinderglauben lassen?

Der alte Mann beugte sich über die Hand seines Enkels. Andächtig lauschte er dem leisen Ticken, das anzeigt, wie die Zeit vergeht. Unhörbar formten seine Lippen Worte: „Tick! Tack! Tick! Tack! ...“

Langsam richtete er sich wieder auf und sah Chris ernst an. „Eine gute Uhr! Sie geht genau!“

Zweifelnd blickte Chris dem alten Mann in die Augen. „Und das hört man am Ticken?“

„Ja, das hört man am Ticken!“ Der alte Mann nickte bedächtig. „Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass eine Uhr genau geht so kurz nach Neujahr. Du hast einen guten Uhrenwart!“

„Einen was?“

„Einen Uhrenwart. Sag’ bloß, du weißt nicht, was ein Uhrenwart ist?“

Chris schüttelte den Kopf. Ungläubig sah der Großvater seinen Enkel an.

„Dann weißt du auch nicht, wo die Zeit herkommt?“ Wieder schüttelte Chris den Kopf. „Dann setz’ dich aufs Sofa.“ Er sagte immer noch Sofa zu der Couch im Wohnzimmer. „Ich werde es dir erzählen.“

Chris tat, wie ihm geheißen wurde. Nachdem er es sich bequem gemacht hatte, machte er sich auf eine Geschichte gefasst, wie sie nur sein Großvater erzählen konnte. Der alte Mann begann zu erzählen, und während er erzählte, wurde seine brüchige Stimme immer fester: „Hoch droben im Norden, ganz in der Nähe der Wohnung des Weihnachtsmannes, stehen am Silvesterabend die Sekunden, Minuten und Stunden des neuen Jahres schon seit einer geraumen Weile bereit, um in alle Welt verschickt zu werden. Die kleinen Kobolde, die sie verpacken und auf die Rentierschlitten verladen, haben seit der Weihnachtsnacht alle Hände voll zu tun. Wo sonst kleine, mit Geschenken bepackte Englein geschäftig hin und her flattern, stapfen jetzt kichernde Gestalten mit riesigen roten Nasen durch den Schnee und schleppen die in Kisten verpackte Zeit umher. - Weißt du, wie viele Sekunden ein Jahr hat?“

Ohne eine Antwort abzuwarten oder auf das Kopfschütteln seines Enkels zu achten, fuhr der alte Mann fort: „Einunddreißigmillionenfünfhundertsechsunddreißigtausend! Und fünfhundertfünfundzwanzigtausendsechshundert Minuten. Alles in allem achttausendsiebenhundertundsechzig Stunden. Und das alles in einer einzigen Uhr! In einer einzigen Uhr!“, wiederholte der alte Mann. „Weißt du, wie viele Uhren es auf der Welt gibt? - Ich weiß es auch nicht. Aber es müssen eine ganze Menge sein. Und ich habe keine Ahnung, wie viele Schlittenladungen nötig sind, eine einzige Uhr zu füllen. Niemand weiß das. Man könnte es vielleicht ausrechnen, wenn alle Kisten gleich schwer wären. Aber du kennst die Kobolde nicht, die die Zeit verpacken. Hier verschwindet eine Stunde, da fehlen fünf Minuten, und mit den Sekunden machen sie sowieso, was sie wollen. Die ganze Arbeit bleibt an den Uhrenwarten hängen. - Äh, reich’ mir mal die Zigarren ‘rüber, mein Junge.“

Gehorsam stand Chris auf und ging zum Schrank, um die Zigarrenkiste zu holen. Das Streichholz ratschte über die Reibfläche, und nach einigem angestrengten Paffen leuchtete rot die Glut an der Zigarre auf. Bald füllten dichte Tabakwolken das Wohnzimmer, zogen vorbei am Weihnachtsbaum, der noch immer geschmückt auf den Dreikönigstag wartete, und senkten sich schließlich schwer auf die Gardinen herab, wo sie es sich gemütlich machten.

„Ja, ja, die Uhrenwarte“, lächelte der alte Mann. „Die ganze Arbeit bleibt an ihnen hängen.“ Er kratzte sich hinter dem Ohr. „Du weißt nicht, was ein Uhrenwart ist, was? Nun ... Hast du dir schon mal überlegt, wie die Sekunden, die Minuten und die Stunden in deine Uhr hineinkommen? Und auch wieder heraus“, fügte er hinzu.

Chris schüttelte den Kopf. Der Großvater nickte. „Das habe ich mir gedacht. Du glaubst, es sind die kleinen Zahnräder oder die Batterie, die deine Uhr zum Ticken bringen?“ Spöttisch winkte er ab.

„Natürlich braucht man sie, um das Uhrwerk in Gang zu setzen. Aber man braucht noch mehr. Was glaubst du: woher kommt die Zeit? Über dreißig Millionen Sekunden pro Jahr - glaubst du, eine kleine Batterie kann das schaffen?“ Verächtlich verzog er den Mund. „Eben nicht. Unmöglich kann sie das. Ich verrate dir ein Geheimnis.“

Er beugte sich leicht nach vorn, und obwohl Chris seinem Großvater nicht so recht glaubte, hatten seine Augen doch den Glanz angenommen, den die Augen eines jeden haben, der in ein Geheimnis eingeweiht wird und der erst sieben Jahre alt ist.

„Ein Uhrenwart füllt die Zeit in die Uhr.“ Dabei nickte der alte Mann bedeutungsvoll. Chris war enttäuscht. Das war dasselbe wie das Märchen vom Weihnachtsmann. Das stand ihm wohl deutlich ins Gesicht geschrieben, denn der Großvater fragte: „Du glaubst mir wohl nicht?“ Mit dem Zeigefinger bedeutete er seinem Enkel näherzukommen. Seine Stimme hatte er zu einem Flüstern gesenkt. „Was würdest du sagen, wenn ich dir erzähle, dass ich selbst einen gesehen habe??!“

„Einen Uhrenwart?“

Der alte Mann nickte. „Hmhm.“

Sollte Chris das glauben? - Warum sollte sein Großvater ihn belügen? - Aber was war mit dem Weihnachtsmann? Noch bevor er etwas sagen konnte, fuhr der alte Mann fort: „Ich habe sogar mit ihm gesprochen.“ Dabei schwenkte er seine Zigarre durch die Luft, wie um das soeben Gesagte zu unterstreichen. Stille senkte sich über den Raum. Das einzige Geräusch, das Chris hörte, war das Paffen, mit dem der alte Mann mächtige Rauchschwaden von sich stieß. Als er sich genügend eingenebelt hatte, hob er die rechte Hand wie zum Schwur und sagte, wobei seine Gestalt sich straffte: „So wahr ich hier sitze, Christian“, - und das war wirklich feierlich, denn sonst pflegte er Chris nie bei seinem vollen Namen zu nennen - „ich habe mit einem Uhrenwart gesprochen. Mit meinem Uhrenwart.“

Wie zur Bestätigung schlug die Standuhr in der Ecke gerade in diesem Augenblick zur vollen Stunde. Chris war sprachlos Mit offenem Mund starrte er seinen Großvater an. Durch die dichten Qualmwolken konnte er ihn kaum erkennen. Lächelte der alte Mann?

„Was hat er gesagt?“

Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Das darf ich niemandem verraten. Noch nicht einmal dir.“

„Aber wie sieht er aus? Das kannst du mir doch sagen“, drängte Chris.

„Die Antwort ist gar nicht so einfach, wie du dir das vorstellst“, sagte der alte Mann. „Du musst nämlich wissen: Er ist nur so groß.“ Dabei hob er Daumen und Zeigefinger wenige Millimeter auseinander, dass es fast so aussah, als berührten sie sich.

„Oder glaubst du vielleicht, jemand, der unter deinem Uhrglas auskehrt, könnte größer sein?“, entgegnete er dem zweifelnden Blick seines Enkels. „In jeder Samstagnacht fegt der Uhrenwart den Müll unter dem Uhrglas zusammen und füllt neue Sekunden, Minuten und Stunden in die Uhren. Auch in deine Uhr, mein Junge. Wenn er es nicht täte, würde deine Uhr stehenbleiben; und wenn er auch nur eine einzige Sekunde vergisst, geht deine Uhr falsch. Ganz abgesehen davon, dass er ja mit der Zeit haushalten muss, die er von den Kobolden geschickt bekommt, und immer nur so viel nachfüllen kann, wie er hat. Aber manchmal kann man da auch etwas nachhelfen. Wenn du willst, dass der Uhrenwart sich ganz besonders gut um deine Uhr kümmert, dann musst du in jeder Samstagnacht ein Gummibärchen neben deine Uhr auf den Nachttisch legen. Uhrenwarte lieben Gummibärchen. Ja, so ist es!“

„Und wie kommt der Uhrenwart in die Uhr?“, fragte Chris. Der alte Mann lächelte verschmitzt.

„Das darfst du mich nicht fragen. Wie soll ich das wissen? Weißt du, Uhrenwarte haben es nicht gern, wenn man ihnen bei der Arbeit zusieht. Wenn es dich interessiert, frag’ doch deinen Uhrenwart. Aber vergiss das Gummibärchen nicht.“

Genüsslich paffend lehnte der alte Mann sich zurück. Beide schwiegen. Der Großvater sah, wie es hinter der Stirn seines Enkels arbeitete. Endlich sagte Chris leise: „Opa - hast du geschwindelt?“

Der alte Mann lachte ein tiefes „Hohoho!“

„Nein, mein Junge, wie kommst du denn darauf? Zum letzten Mal habe ich geschwindelt vor … Lass mich überlegen! … Vor dreißig Jahren. Ja, vor dreißig Jahren“, sagte er, jetzt ebenfalls leise. Er seufzte.

Gebannt hing Chris an den Lippen seines Großvaters. Aber jeder weiß, wie es ist, wenn man jung ist. Man hat so viel zu tun und an so vieles zu denken, dass man leicht einiges vergisst (vor allem das, was alte Leute sagen). So ging es auch Chris. Nach einer Weile dachte er nicht mehr an die Geschichte, die der alte Mann ihm erzählt hatte. Erst spät am Samstagabend, als er schon lange im Bett lag und beinahe schon eingeschlafen war, fiel ihm die Sache mit dem Uhrenwart wieder ein.

Er knipste die Nachttischlampe an und stand auf. Vorsichtig drückte er die Türklinke herunter und schlich zum Schlafzimmer seiner Großeltern. Dort tat er, was er noch nie getan hatte: Er hielt das Ohr an die Tür und lauschte. Er hörte die tiefen, regelmäßigen Atemzüge seiner Großmutter und das laute Schnarchen seines Großvaters. Er öffnete die Tür einen Spalt breit und erschrak, als das Schnarchen des alten Mannes unruhig wurde. Vor Schreck hätte er sie fast wieder zugeschlagen. Aber nur fast. Langsam tastete er sich näher. Im schwachen Schein der Straßenlaterne, der durch die nur halb geschlossenen Jalousien hereindrang, begutachtete er den Nachttisch seines Großvaters. Schön ordentlich lag darauf die Armbanduhr des alten Mannes, und neben der Uhr lag - ein Gummibärchen. Schuldbewusst schlich er aus dem Zimmer. Er sah nicht, dass die Augen des alten Mannes ihm folgten und ein Lächeln um seine Lippen spielte, während Chris auf den Stuhl in der Küche kletterte, um das Fach zu erreichen, in dem seine Großmutter die Süßigkeiten versteckte.

Noch lange lag er wach in dieser Nacht, doch es geschah nichts. Als er am nächsten Morgen aufwachte, tickte seine Uhr genauso wie immer. Aber das Gummibärchen war verschwunden.

Alexander Amberg