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von Alexander Amberg

Melchior Häberle stand hinter dem Vorhang und sah dem Treiben auf dem Kirchplatz zu. „Saubande!“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „dreckige Saubande!“ Die Menge wartete jetzt schon seit einer Viertelstunde. Direkt vor dem Kirchenportal stand der Pflederer und ruderte mit seinen stämmigen Armen in der Luft. Selbst auf diese Entfernung konnte Melchior hören, wie der Pflederer auf die Rotzlöffel schimpfte. Rotzlöffel nannte er jeden, der männlichen Geschlechts und jünger als dreißig war. Der Pflederer war Fleischermeister, und bei ihm gab es das beste Bratwurstfüllsel in ganz Mägerkingen. Melchior liebe Bratwurstfüllsel. „Den Schlüssel weggenommen!“, brüllte der Pflederer, „und das am Heiligen Abend! Diese Rotzlöffel!“

„Ja ja, brüll’ du nur“, dachte Melchior. Junge Leute weiblichen Geschlechts pflegte er nicht Rotzlöffel zu nennen, der Herr Pflederer. Ganz andere Worte hielt er für die parat, und hin und wieder fiel sogar eine darauf rein. Die Rosi zum Beispiel. Sein Lehrmädchen war sie gewesen, und ein Kind hatte er ihr gemacht, der Herr Pflederer. Dann hatte er es mit der Angst bekommen wegen seiner Frau und hatte die Rosi dazu überredet, es wegmachen zu lassen. Abortion. Der Saukerl! Melchiors Finger krampften sich um den Vorhang, als wolle er ihn zerreißen. Jesusmaria, das Mädchen war doch erst achtzehn gewesen. Geld hatte er ihr gegeben, damit sie wegging aus Mägerkingen. Und weggegangen war sie, aber nicht ohne vorher ihn, Melchior Häberle, aufzusuchen und ihm ihr Leid zu klagen.

„Lass nur, Kleines“, hatte er ihr gesagt, der Melchior, „‘s wird schon gut werden“, während er dachte: „Dummes Ding! Warum hast du dich auf so was eingelassen?!“ Mit triefender Rotznase hatte sie vor ihm gestanden und geheult und geheult, während er ihr die Absolution erteilte. Dem Pflederer hatte er sie auch erteilt, diesem Schwein, aber nicht ohne ihn vorher ein wenig zu schröpfen. Einen Tausender hatte er schon hergeben müssen für die Armen der Gemeinde, und einen weiteren für die neue Orgel. Melchior knirschte mit den Zähnen. Zweitausend Mark und dreihundert „Gegrüßet seist du, Maria“ waren zu wenig. Er hätte ruhig das Doppelte verlangen können; und dass der Pflederer der Rosi Geld zukommen ließ über ihn, Melchior, war doch nur billig, oder? Das Fegefeuer wäre gerade recht für so einen.

Wieder tönte das Wort „Rotzlöffel“ über den Platz. Die Frau Pflederer versuchte ihren aufgebrachten Mann zu beruhigen, indem sie lautstark in sein Gezeter einstimmte. Eine dumme Person. Ah, wenn die wüsste ...

Die dicke Frau Weißmüller kam daher gewatschelt mit ihren wasserstoffblonden Haaren und erzählte etwas von einem Türken, der den Schlüssel weggenommen hatte. „Ja ja, die Ausländer!“, keifte sie, und „Ja ja, die Ausländer!“, fiel hundertstimmig der Chor der Umstehenden ein. „Ja ja, die Ausländer!“, krächzte der alte Koslowski hintennach. „Ich möcht' nicht wissen, wo deine Wiege gestanden hat“, dachte Melchior bei sich.

Der Kerl mit den roten Haaren und den Sommersprossen (Sommersprossen! Im tiefsten Winter!), war das nicht dieser Mensch von der Zeitung, der einem immer die Worte verdrehte, weil er von nichts eine Ahnung hatte? „Jetzt zückt er auch noch seinen Block!“, dachte Melchior. „Eine Bande Jugendlicher“, erzählte die Frau Krebs dem Rothaarigen aufgeregt. „Die haben die Kirchentür verrammelt.“ Der Depp schrieb den ganzen Unsinn auch noch auf. Die Menge teilte sich und hindurch quetschte sich eine untersetzte Gestalt mit einem riesigen Bierbauch, über dem sich der teure Mantel spannte. Heute trug er sogar einen Hut, der Herr Bürgermeister. „Ich weiß, warum du so billig an Grundstücke kommst“, dachte Melchior und biss die Zähne aufeinander, bis sie knirschten. Der Bürgermeister fuchtelte mit den Armen in der Luft, bis die empörten Pflederers zur Seite wichen, und stieg die drei Stufen zu dem schweren Portal empor.

„Was ist denn das für ein Zettel?“, sagte er und meinte den Zettel, den Melchior an die Kirchentür geheftet hatte. „An Heiligabend geschlossen“, buchstabierte er laut. „So ein Unsinn! Die kennen heutzutage keinen Respekt mehr“, sagte er und ließ offen, wen er mit „die“ meinte. Aus der Menge erhob sich beifälliges Gemurmel. „Eine politische Lösung werden wir da wohl kaum finden“, witzelte der wortgewaltige Bürgermeister mit fester Stimme. „Da muss ein Handwerker her. Wir brauchen einen Schlosser!“ Die Menge murmelte Beifall, und Unruhe machte sich breit. „Wo ist eigentlich der Pfarrer?“, wollte er wissen, aber ihm hörte schon keiner mehr zu. Man diskutierte über die bodenlose Unverschämtheit, den Gläubigen am Heiligen Abend den Weg in die Kirche zu versperren.

Melchiors Finger lösten sich vom Vorhang. Verbittert ließ er den Blick über die Menge schweifen. Er kannte sie alle, die Pflederers und den Bürgermeister, die Frau Weißmüller und den rothaarigen Kerl von der Zeitung, alle, wie sie da waren, und die meisten kamen früher oder später zu ihm, wenn sie etwas ausgefressen hatten, um Absolution zu erhalten. Das Register ihrer Sünden reichte von der harmlosen Lüge bis zum Ehebruch und Schlimmerem („Sodomie!“, dachte Melchior angeekelt). Der Krämer zum Beispiel (er hieß wirklich so), der gerade forsch auf den Bürgermeister zuschritt, verbrachte seine freie Zeit am liebsten im Bordell, und das, obwohl er seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet war und drei erwachsene Kinder hatte. Dabei verdiente er gar nicht so viel als Dorfpolizist. „Irgend etwas verschweigt er mir“, sinnierte Melchior. Aber er würde schon noch dahinterkommen. Wen schleppte der Krämer denn da am Ohr hinter sich her? War das nicht der kleine Stani, dem er, Melchior, selbst die Schlüssel in die Hand gedrückt hatte? Wenn die Lkws kamen, sollte der Kleine den Fahrern das Portal aufschließen, damit sie die Kisten und Säcke mit den Medikamenten und den Lebensmitteln einladen konnten.

Krämer stieß den Kleinen vor sich her zum Bürgermeister. Triumphierend hielt er einen schweren schmiedeeisernen Schlüssel in die Höhe und präsentierte ihn der Menge. „Da haben wir den Übeltäter“, nuschelte er, „der Jugoslawe hat den Schlüssel geklaut.“

Der kleine Stani fing an zu weinen. Im gleichen Augenblick flog krachend die Tür zum Pfarrhaus auf. In dem hellerleuchteten Viereck erschien die massige Gestalt Melchior Häberles, seines Zeichens Pfarrer von Mägerkingen.

„Lass mir den Kleinen in Ruhe!“, donnerte er, und niemand wusste so recht, ob er nun den Polizisten oder den Bürgermeister meinte. „Ihr scheinheiligen Judasse“, brüllte er, während er wie ein Sturmwind durch die Menge rauschte, die sich vor ihm teilte wie weiland das Rote Meer vor Moses. Tatsächlich zuckten sogar einige zusammen, als er loslegte. „Ich selber habe dem Kleinen den Schlüssel gegeben, damit er auf ihn aufpasst“, donnerte Melchior, „bis die Lkws für den Transport kommen.“

Als sei das das Stichwort gewesen, ertönte Motorengeräusch. Schützend legte Melchior den Arm um den kleinen Stani. „Seit vierzig Jahren bin ich Pfarrer von Mägerkingen“, sagte er und hörte sich dabei an wie Jehova persönlich. „Und seit vierzig Jahren lese ich euch zu Weihnachten die Messe.“ Er legte eine kleine Pause ein, um seine Worte wirken zu lassen. „Und was hat es genutzt?“, brüllte er unvermittelt.

Die ihm zunächst standen, duckten sich, sogar der Bürgermeister, als habe er ein schlechtes Gewissen. „Nichts!“, donnerte Melchior, und nochmals: „Gar nichts!“ Das Motorengeräusch wurde lauter, aber noch immer tönte Melchiors Stimme über den Platz: „Vierzig Jahre lang hat diese Kirche Lügner und Heuchler gesehen, Ehebrecher und Schlimmeres. Vierzig Jahre sind genug!“

Stille senkte sich über den Platz, als Melchior schwieg. Nur die Motoren zweier altersschwacher Lkws vom THW tuckerten müde vor sich hin. „Heute ist Weihnachten“, brüllte Melchior, „und keiner von euch hat das Recht, diese Kirche zu betreten!“

Betreten schwieg die Menge. Nur der Bürgermeister räusperte sich, so als wolle er etwas sagen, sagte dann aber doch nichts, und der Pflederer kratzte sich am Kopf. „Keiner!“, donnerte Melchior. „Diesem kleinen Jungen hier habe ich die Schlüssel zum Portal anvertraut. Warum wohl?“ Herausfordernd ließ er seinen Blick über die Menge schweifen. Einen wilden Blick, der eines zornigen Gottes würdig gewesen wäre, nicht aber eines fränkischen Priesters. „Das kann ich Euch sagen“, sagte Melchior, und seine Augen sprühten Blitze. Aber auf einmal klang seine Stimme nur noch müde.

„In der Kirche lagern Lebensmittel und Medikamente für den Transport in den Kosovo. Mein Amtsbruder Wastlmeier aus unserer Nachbargemeinde hat ihn organisiert. Nur leider hat er niemanden, der ihm hilft, am Heiligen Abend die Lkws zu beladen. Alle seine Helfer sind plötzlich krank geworden oder sonstwie unabkömmlich. Na ja, es ist der Heilige Abend“, sagte Melchior. „Nur die beiden Fahrer haben sich bereit erklärt, zu helfen!“ Dabei zeigte sein Finger auf die schnauzbärtigen, dunklen Gesichter zweier Männer, die neben den Lastern standen. „Aber Sali und Sulio können unmöglich die ganze Ladung allein verstauen. Darum wollte ich euch bitten, mit Hand anzulegen!“, sagte Melchior, und leise fügte er hinzu: „Weil Weihnachten ist!“

Das Schweigen, das darauf folgte, wurde unterbrochen von einem gemurmelten „Vielleicht waren’s ja doch nicht die Ausländer“, und die dicke Frau Weißmüller drängte sich zur Kirchentür, um als Erste ein Paket hinauszutragen. „Und Ihr?!“, donnerte Melchior, worauf sich ein Strom schweigender Gestalten in Bewegung setzte. Sogar der Rothaarige von der Zeitung fasste mit an. Als alle Kisten und Säcke verstaut und die Lkws schon wieder abgefahren waren, weil sie noch eine weite Strecke vor sich hatten, ließ Melchior seinen Blick über die schweigende Menge der Lügner und Ehebrecher, der Ausländerhasser und Sünder schweifen. Einen Moment war es still, dann sagte er laut: „Kommt ‘rein in die Kirche!“ Leise fügte er hinzu: „Weil Weihnachten ist ...“