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Klirrend marschierte der Frost übers Land. Mit seinem Eishauch malte er Blumen an die Fenster der Häuser in den Städten und Dörfern, die er durchschritt, und überall, wo er vorüberkam, hinterließ er Kristalle von so seltener Klarheit, dass sie im strahlenden Glanz der winterlichen Morgensonne glitzerten wie Myriaden von Edelsteinen. Wie eine leuchtende Kuppel wölbte sich blau der Himmel über der kleinen Stadt. Unter ihren weißen Hauben duckten sich die Häuser behaglich etwas tiefer in den Schnee, um noch ein Weilchen zu schlummern, und wenn irgendwo jemand ein Fenster öffnete, sah es aus, als würden sie verschlafen blinzeln.

In der Kirchenstraße Nummer 68 stand ein kleines Mädchen am Fenster und drückte sich die Nase platt. Es fror zwar ein bisschen, weil es keine Hausschuhe anhatte. Aber das machte nichts. Heute war der 24. Dezember - der Heilige Abend! Gestern war Manuela sechs Jahre alt geworden. Sie wusste nicht, worüber sie sich mehr freuen sollte, über ihren Geburtstag oder über das Christkind, das heute Abend kommen sollte. Sie seufzte. Das Christkind!

Draußen ging ihr Vater zu seinem Auto, das vor dem Haus parkte. Es war über und über mit Schnee bedeckt, weil es in der Nacht geschneit hatte. Auch das Nummernschild war so voller Schnee, dass man es gar nicht mehr lesen konnte. Aber Manuela wusste trotzdem, was darauf stand. Sie kannte die Nummer auswendig. Sie sah, wie ihr Vater durch den Vorgarten stapfte. Den Mantelkragen hatte er hochgeschlagen wegen der Kälte, und um den Hals hatte er einen dicken Schal geschlungen. Er holte einen großen Karton aus dem Kofferraum und verschwand wieder im Haus. Gespannt beobachtete sie die Straße. Aber er kam nicht wieder heraus. Dafür hörte sie jetzt Geräusche auf der Treppe. Die Tür flog auf, und Sylvia stürmte ins Zimmer. „Guten Morgen“, sagte Manuela.

Sylvia war ihre Schwester und zwei Jahre älter als sie. Na ja, fast zweieinhalb Jahre älter und einen ganzen Kopf größer. Sie ging schon in die zweite Klasse.

„Bist du noch nicht fertig?“, fragte Sylvia, noch ganz außer Atem.

Sie wollten heute Vormittag zur Großmutter fahren. Sie - das waren Manuela, Sylvia und ihre Mutter. Manuelas Vater blieb zu Hause, um den Weihnachtsbaum zu schmücken. Das machte er jedes Jahr am Heiligen Abend. Im Wohnzimmer lagen die bunten Kugeln herum, und überall war Lametta verstreut. Es duftete nach Tannennadeln.

Die alte Frau wohnte im Nachbarort, nur ein paar Kilometer entfernt. Seit vor zwei Jahren der Großvater gestorben war, lebte sie ganz allein in dem großen Haus und weigerte sich standhaft, zur Familie ihres Sohnes zu ziehen. Aber an Weihnachten holten sie sie jedes Mal ab, und sie blieb bis Neujahr. Manuela freute sich schon darauf, denn sie hatte ihre Großmutter sehr gern. Aber trotzdem wäre sie lieber zu Hause geblieben. Denn heute war Weihnachten, und ... Und sie hatte etwas vor.

Vor ein paar Wochen hatte sie nämlich etwas gehört, etwas, wie es schrecklicher gar nicht sein konnte. Zufällig hatte sie danebengestanden, als Michael Lisa vom Kindergarten abholte. Michael war schon zwölf und Lisas Bruder. Lisa hatte ihm erzählt, dass sie mit Fräulein Thea den Weihnachtsmann gemalt hatten, aber Michael hatte nur gelacht und gesagt: „Aber das ist doch Babykram!“ Mit anderen Worten: Es gibt keinen Weihnachtsmann. Basta! Sollte sie das wirklich glauben? „Und wer, bitte schön, bringt einem dann die Geschenke?“, überlegte Manuela. Wenn es keinen Weihnachtsmann gab, war das an sich schon schlimm genug. Aber die Folgen davon - nicht auszudenken! Wenn es keinen Weihnachtsmann gab, konnte es auch kein Christkind geben.

Nun, Manuela wusste, daß Michael trotz seiner zwölf Jahre manchmal schwindelte. Man konnte ihm nicht alles glauben. Also hatte sie sich unter ihren Freundinnen umgehört. Und was war das Ergebnis?

„Natürlich habe ich schon den Weihnachtsmann gesehen“, hatte Karina geantwortet, als Manuela sie fragte. Karina war Manuelas beste Freundin. Zu ihr hatte sie absolutes Vertrauen. Aber vorsichtshalber hatte sie auch Daniela, Bettina und Anita gefragt. Auch sie hatten eifrig genickt. Natürlich hatten sie schon den Weihnachtsmann gesehen. Er hatte eine rote Mütze auf und einen weißen Bart und stand jeden Samstag, wenn sie mit ihren Eltern zum Einkaufen nach Mannheim fuhren, vor dem Kaufhof. Auch Jussara, das Mädchen mit den schwarzen Augen und den noch schwärzeren Haaren, das neu im Kindergarten war, sagte, dass sie schon den Weihnachtsmann gesehen hatte. Nur Manuela hatte ihn noch nicht gesehen.

Am Nikolaustag, dem 6. Dezember, hatte sie ganz genau aufgepasst und war fast die ganze Nacht wach geblieben, was niemand wissen durfte, schon gar nicht ihre Mutter. Die sah das nicht gerne.

Aber Manuela hatte nichts gesehen und auch nichts gehört. Kein Glöckchen hatte gebimmelt, und keine rot gekleidete Gestalt mit einem mächtigen weißen Rauschebart war mit einem kräftigen, tiefen „Hohoho!“ durch den Kamin geklettert. Traurig senkte Manuela den Kopf. Vielleicht gab es den Weihnachtsmann wirklich nicht? Sie dachte nach. Aber vielleicht klappte es ja mit dem Christkind?

 

Als sie mit der Großmutter nach Hause kamen, wusste Manuela, was sie tun würde. Es war noch nicht allzu spät am Nachmittag. Also hatte sie noch etwas Zeit bis zur Bescherung. Sie zog ihren dicken Pullover an und den Anorak darüber. Dann die gefütterten Stiefel, die Handschuhe und den Schal. Zuletzt setzte sie die Mütze auf. Sie ging zur Haustür, drückte die Klinke herunter und stand mitten im Schnee. Unberührt lag die weiße Fläche vor ihr. Aber waren das da drüben auf der Straße nicht Spuren? Fußspuren? Von schweren Stiefeln? Sehr schweren Stiefeln? Wie sie vielleicht der Weihnachtsmann trug?! Sie marschierte los.

 

Ein gutes Stück hinter der Stadt, nach Mitternacht zu, begann der Wald. Dick eingemummt in ihre weißen Pelze standen die mächtigen Kiefern. Hin und wieder, wenn ein Windstoß durch ihre Wipfel fuhr, schüttelten sie ihre majestätischen Häupter, so als amüsierten sie sich köstlich über das Treiben zu ihren Füßen. Manche raunten dabei ihren Nachbarn sachte etwas zu, die sich vor verhaltenem Lachen nur so schüttelten, dass in dichten Wolken der Schnee von ihren Zweigen stob. Ein erstaunter Dompfaff mochte sich dann wohl noch ein bisschen mehr aufplustern oder ein nicht weniger verwunderter Hase für einen Augenblick seine langen Löffel stellen, bevor er sich wieder seiner Mohrrübe zuwandte und genüsslich weiter knabberte. Sonst ruhte alles in tiefem Frieden, als Manuela sich aufmachte, das Christkind zu suchen.

Sie hatte schon ein gutes Stück Wegs zurückgelegt. Die Spur von vorhin hatte sich längst verloren. Aber obwohl der Schnee, durch den sie watete, immer tiefer wurde, spürte sie nicht die Müdigkeit, die sich in ihren Gliedern breit machte, so sehr trieb sie das Verlangen, das Geheimnis von Weihnachten zu ergründen. Das Eichhörnchen, das vor ihr über den Weg huschte, fragte sie: „Hast du das Christkind gesehen?“

Aber es sah sie nur stumm aus seinen kleinen Knopfaugen an, bevor es seinen buschigen Schwanz hob und eilig im Geäst eines Baumes verschwand. Dem Reh, das sie an der Futterkrippe überraschte, rief Manuela zu: „Kannst du mir sagen, ob das Christkind hier entlang gekommen ist?“

Doch das Reh blickte nur kurz auf, kräuselte die Nase und verschwand mit ein paar anmutigen Sätzen im Unterholz. Traurig ging Manuela weiter, bis wie ein großer Spiegel der zugefrorene Teich zwischen den hohen Stämmen blinkte. An seinem Ufer setzte sie sich nieder, zog die Beine an und legte den Kopf auf die Knie. So musste sie wohl eine Weile gesessen haben, und vielleicht war sie auch eingeschlafen, denn als sie wieder um sich blickte, sah sie, dass die Schatten der Bäume schon viel länger geworden waren. Ihr war kalt. Sie rieb ihre klammen Finger und stand auf, um nach Hause zu gehen.

Nachdem sie ein paar Schritte gegangen war, begann es wieder zu schneien, ein paar Flocken nur, die lustig um sie herumtanzten. Aber bald wirbelten sie immer dichter um Manuela und ließen das Dämmerlicht des Waldes noch dämmriger erscheinen. Sie fürchtete sich ein bisschen, weil es langsam dunkel wurde und sie nicht mehr genau wusste, auf welchem Weg sie hierher gekommen war. Nach einer Weile merkte sie, dass sie sich verirrt hatte.

Gerade rollte ihr eine dicke Träne über die Wange, als sie ein leises Seufzen hörte. Sie hatte eben noch Zeit, sich verstohlen übers Gesicht zu wischen, ehe zwei Tannen, die dicht beieinander standen, ihre schneebeladenen Äste zur Seite bogen und den Weg freigaben für einen alten Mann mit einem mächtigen Rauschebart, der zwei prallgefüllte Plastiktüten mit sich schleppte. Aus der einen ragte der Hals einer Weinflasche. Als er Manuela sah, lachte er ein tiefes „Hohoho!“

Er war dick eingemummt in einen grauen Mantel und hatte eine Zipfelmütze tief ins Gesicht gezogen. Seine Knollennase war rot - vor Kälte, dachte Manuela.

„Hohoho!“, lachte er wieder.

„Hallo, kleines Fräulein. Was machst du denn hier? Du hast ja eine Träne auf deiner Nasenspitze, und das am Heiligen Abend!“ Trotz seiner tiefen Stimme blinzelte er Manuela freundlich zu. Manuela sah ihn aus großen Augen an.

„Wie heißt du denn, kleines Fräulein?“, fragte der Fremde.

Manuela wich einen Schritt zurück. „Manuela!“, sagte sie zögernd. Sah so der Weihnachtsmann aus? Bestimmt nicht!

„Und wie heißt du?“, fragte Manuela.

„Klaus“, sagte der Fremde, „Klaus Weihnacht. Eigentlich Nikolaus, aber das ist ein langer Name, darum sagt jeder nur Klaus zu mir.“ Manuela machte große Augen.

„Und was machst du hier?“, fragte der Fremde. „Sag’ bloß, du hast dich verlaufen.“

Manuela nickte.

„Na, wo wohnst du denn?“, fragte Herr Weihnacht weiter. Manuela sagte es ihm. Herr Weihnacht sah zum Himmel, der sich langsam dunkel färbte. Der Schnee hatte aufgehört zu fallen. „Du solltest besser nach Hause gehen“, sagte er. „Das Christkind kommt doch bald!“

„Das Christkind?“, sagte Manuela. „Gibt es das denn?“

Herr Weihnacht lachte sein „Hohoho“, und zwar aus vollem Hals. „Ob es das Christkind gibt? Natürlich gibt es das Christkind! Was glaubst du, wohin ich gerade unterwegs bin? Heute Abend um acht ist Bescherung im Obdachlosenasyl. Der Bürgermeister persönlich hat sich angekündigt. Und da glaubst du, dass es kein Christkind gibt?!?“ Wieder lachte er sein tiefes „Hohoho!“

„Komm mit, kleines Fräulein!“, sagte Herr Weihnacht. „Es ist Zeit, dass du nach Hause kommst.“ Mit diesen Worten schritt er kräftig aus, und Manuela hatte Mühe, ihm zu folgen. Aber schon nach kurzer Zeit erreichten sie den Waldrand, und wenig später waren sie in der Straße, in der Manuela wohnte. Vom nahen Kirchturm erklang Glockengeläut.

„Hier wohnst du also, kleines Fräulein!“, sagte Herr Weihnacht, während er auf die Klingel drückte. Misstrauisch sah Manuelas Mutter erst auf ihn, dann auf Manuela, als sie die Tür öffnete. Sie hatte Tränen in den Augen und rief nach Manuelas Vater.

„Ich habe mich verlaufen, und er hat mich nach Hause gebracht“, sagte Manuela und strahlte, während sie ins Haus stürmte. „Er heißt Herr Weihnacht.“

Ihr Vater und Herr Weihnacht unterhielten sich eine Weile, und ihre Mutter nahm sie in den Arm. Manuela wunderte sich, dass ihr Vater Herrn Weihnacht Geld anbieten wollte. Natürlich schüttelte Herr Weihnacht den Kopf. „Heute ist Weihnachten“, sagte er mit seiner tiefen Stimme, „und ich habe nur einen Wunsch: Bringen Sie Ihrer Tochter bei, dass sie nicht mit Fremden mitgehen sollte.“ Dabei sah er Manuelas Vater ernst an. „Nicht jeder heißt Nikolaus Weihnacht.“ Dann fügte er lächelnd hinzu: „Aber jetzt muss ich weiter. Um acht ist Bescherung im Obdachlosenheim, und der Bürgermeister kommt auch.“ Damit war er verschwunden.

Als Manuela ins Wohnzimmer trat, brannten am Weihnachtsbaum die Lichter. Darunter lagen, bunt verpackt, die Geschenke. Sylvia sagte: „Endlich, wo warst du denn?“ Und auch Manuelas Großmutter sah glücklich aus. Das Christkind war anscheinend schon da gewesen.

Alexander Amberg