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Die Rückkehr

von Alexander Amberg

Dumpf polterte die Erde auf den Sarg. Blicklos starrte Tess an dem noch jungen Priester vorbei auf die immergrüne Hecke, die den Friedhof von der Außenwelt abschirmte. „Asche zu Asche, Staub zu Staub“, drang wie aus weiter Ferne seine Stimme an ihr Ohr. Sie hörte die Worte, konnte ihnen aber keinen Sinn zuordnen, so wie auf einmal alles sinnlos geworden war. Das leichte Nieseln ging in einen steten Novemberregen über, doch sie spürte die Tropfen nicht, ebenso wenig nahm sie wahr, daß Matthias, Hagens bester Freund, schützend seinen Schirm über sie hielt. Hagen war tot. Tränen schimmerten in ihren Augen, als sie dachte: „Er ist tot.“ Unwiederbringlich. „Er kommt nicht wieder. Hagen ist tot. Tot.“

Matthias blieb an ihrer Seite, während die kleine Schar der Trauergäste kondolierte, und als alles vorüber war, stützte er sie, weil er bemerkte, daß sie leicht schwankte. Die Beerdigung hatte sie doch mehr mitgenommen, als sie sich selbst eingestehen wollte. Es war Matthias, der sie in seinem BMW nach Hause fuhr und sich von ihr verabschiedete, ohne ein falsches Wort zu sagen, und es war Matthias, der sie wenig später anrief, um noch einmal zu fragen, ob auch wirklich alles in Ordnung sei. Er gab sich mit ihrer kurzen Antwort zufrieden, und Tess war ihm dankbar.

In den folgenden Wochen und Monaten rief Matthias noch einige Male an und erwies sich mit der Zeit als einfühlsamer Gesprächspartner. Im Gegensatz zu ihren weiblichen Bekannten - von Freundinnen wollte Tess nicht sprechen, denn eine wirklich enge Beziehung hatte sie nur zu Hagen gehabt, und ihn gab es nicht mehr - im Gegensatz zu ihren weiblichen Bekannten fing Matthias nicht dauernd von „diesem schrecklichen Unglück“ an. Er sprach nicht über den Unfall und schimpfte auch nicht ständig über Geisterfahrer. Was passiert war, konnte niemand ungeschehen machen. Aber Matthias machte ihren Schmerz allein durch seine Gesellschaft erträglicher.

Seit Hagen tot war, vergrub sie sich in ihrer Arbeit. Da sie keine Anstellung als Übersetzerin gefunden hatte, hatte sie einen Job als Sekretärin angenommen und verbrachte ihre Tage damit, Telefonate zu führen, Reklamationen abzuwimmeln und den Terminkalender ihres Chefs, eines mäßig erfolgreichen Außenhandelskaufmanns mit fortschreitender Stirnglatze, zu organisieren. Wenn sie abends nach Hause kam, wartete sie auf Matthias’ Anruf. Wie Hagen war er freier Handelsvertreter und ein ebenso amüsanter Plauderer. Darüber hinaus konnte er gut zuhören, und irgendwann merkte Tess, daß er zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden war.

Matthias ging es nicht anders. Was als Pflichterfüllung gegenüber dem toten Freund und Kollegen begann, schlug um in Achtung für dessen Witwe, und obwohl er niemals auch nur im Traum daran gedacht hätte, der Frau seines Freundes zu nahe zu treten, stellte er eines Tages fest, daß er mit seinen sechsunddreißig Jahren eben das Kribbeln im Bauch spürte, das er zuletzt mit sechzehn gehabt hatte. Matthias Kreuzmann, Macho und eingefleischter Junggeselle, mußte sich eingestehen, daß er drauf und dran war, auf Freiersfüßen zu gehen. Er überlegte hin und her und fragte sich, ob es richtig war, was er empfand, bis ihm klar wurde, daß ihn derartige Überlegungen nicht weiterbrachten. Er versuchte, sich von Tess fernzuhalten, schaffte es aber nicht länger als zwei Wochen. Dann rief sie ihn an und fragte, ob er krank sei. Er schützte Arbeit vor, und als er sie schließlich zum Essen einlud, klang die Freude in ihrer Stimme so echt, daß er sich zu einem Entschluß durchrang.

Als geübter Schachspieler und Stratege - beides Voraussetzungen, um in seinem Beruf zu bestehen - setzte er ihn nicht gleich in die Tat um, sondern wartete erst noch eine Weile. Sein Zögern war weniger auf Berechnung als auf das Gedenken an Hagen zurückzuführen. Eine innere Stimme sagte ihm, daß es besser sei, die Trauer der Witwe der Zeit zu überlassen und sich ihr erst dann zu nähern, wenn Hagen zwar nicht vergessen, aber auch in ihren Gedanken endgültig begraben war.

Oft, wenn er mit Tess zusammen war, mit ihr ein Café besuchte oder manchmal ins Kino ging, glitt sein Blick wie zufällig über ihre hochgewachsene, schlanke Gestalt, das kastanienbraune Haar, die ernsten Züge. Wenn sie die Beine übereinanderschlug, schweiften seine Augen von ihrem Gesicht zu den nylonbestrumpften Schenkeln, den Fesseln und zurück. Er sog ihre Rundungen in sich ein, und obwohl Tess sich vormachte, sie bemerke es nicht, genoß sie in aller Unschuld seine Blicke und seine Qualen, legte es mitunter sogar darauf an, ihm gegenüber ihre Reize auszuspielen. In dem Maß, in dem sie das tat, verblaßte die Erinnerung an Hagen.

Allerdings nicht in Matthias - bis er eines Tages zum Friedhof ging, in der Hand einen Strauß Nelken, den er an Hagens Grab niederlegte. Lange stand er da und betrachtete den schlichten Gedenkstein, auf dem nur der Name und die Lebensdaten standen, kein Spruch wie „Zu früh von uns gegangen“ oder „durch einen Unfall aus dem Leben gerissen“. Er sah sich nach allen Seiten um und sagte leise: „Tut mir leid, alter Freund. Ich wußte nicht, daß das passieren würde. Sie ist deine Frau, ich wollte ihr helfen, und jetzt ...“ Hilflos zuckte er die Achseln. „Aber du bist tot, Hagen, und sie nicht. Wir leben. Ich möchte nicht, daß du zwischen uns stehst. Kannst du das verstehen?“ Er schwieg.

„Weißt du“, begann er wieder, „ich hätte ... - Ach Scheiße, ich habe ihr Blumen gekauft.“ Als eine leichte Brise aufkam und die Blätter der Bäume im Wind leise rauschten, sagte er: „Danke, alter Freund. Das werde ich dir nie vergessen.“ In seinem Augenwinkel schimmerte etwas, das aussah wie eine Träne.

Als er an diesem Abend an Tess’ Wohnungstür läutete, hielt er einen Strauß Rosen in der Hand. Zufällig hatte Tess ihr kleines Schwarzes angezogen. Mira Engberding, fünfundsechzig und eine Art Nachbarin - im Paris der vierziger Jahre hätte man sie Concierge genannt, im Berlin der Dreißiger Blockwartin - entging nichts. Es gab Leute im Haus, die Mira ein Schandmaul nannten. Aber aus irgend einem ihr selbst unbekannten Grund war ihr die ernste junge Frau, die im zweiten Stock wohnte, sympathisch, vielleicht weil sie sie an eine andere Mira erinnerte, die voller Lebenslust und Menschenfreundlichkeit war, bis sie den Schreinermeister Franz Engberding kennenlernte. Wie dem auch sei, als Matthias die Wohnung der ernsten jungen Frau betrat, lächelte Mira nur, und als er sie erst am nächsten Morgen wieder verließ, wurde Miras Lächeln noch breiter. Entgegen ihrer Gewohnheit sagte sie zu keiner Menschenseele einen Ton.

 

Trotz allem schien Hagen immer noch irgendwie präsent zu sein, wenn Tess und Matthias ihre Zeit gemeinsam verbrachten. Oft hatte Tess das Gefühl, Hagen sei mit im Zimmer, wenn sie mit Matthias alleine war, und beinahe ebensooft rechnete Matthias fast damit, daß sich gleich die Tür öffnen und ein strahlend lächelnder Hagen hereinspazieren würde, um zu fragen: „Na, was treibt ihr beiden denn da!?“

Es dauerte lange, bis sie sich wirklich näherkamen. Ganz wurde Tess die Erinnerung an Hagen nie los, und auch Matthias plagte manchmal das schlechte Gewissen. Er stellte sich vor, dem Freund die Frau ausgespannt zu haben - was reiner Unsinn war, denn Hagen war tot und begraben, so tot wie man nur eben sein konnte, und sie beide erwachsene Menschen, die frei waren zu tun und zu lassen, was sie wollten. Es mochte lange dauern; aber schließlich kam es, wie es kommen mußte. Eines Abends stand Matthias mit einem Strauß roter Rosen und hochrotem Kopf vor der Tür des Appartements Nummer sieben im zweiten Stock der Menzelstraße 27. Tess hatte nicht mit ihm gerechnet. Sie öffnete im Jogginganzug und stieß einen spitzen Schrei aus, als Matthias sie ohne Umschweife, immer noch im Treppenhaus, fragte: „Willst du meine Frau werden?“

Die nächsten Tage schwebte Tess wie auf Wolken. Daran konnte auch das Wetter nichts ändern, das sich in den ersten Apriltagen zusehends verschlechterte. Weder der stete Nieselregen, der einen regelrechten Grauschleier über die Stadt zog, noch die schlechte Laune ihres Chefs vermochten ihre Stimmung zu trüben - jedenfalls nicht sehr.

Mit dem Frühling brach in der Stadt auch die Kirmes aus. Beschwingt lenkte Tess ihre Schritte vom Büro nach Hause. Wegen des Jahrmarkts hatte sie weiter weg geparkt als üblich, deshalb mußte sie zunächst zu Fuß durch die verstopfte Innenstadt. Musikfetzen vom nahen Festplatz durchdrangen das Brummen des Verkehrs, waberten über dem Geräuschpegel, bis sie mit ihm zu einem undefinierbaren akustischen Brei verschmolzen. Ein Farbtupfer im allgemeinen Gewimmel erregte Tess’ Aufmerksamkeit. Es war das bunte Kleid einer alten, weißhaarigen Zigeunerin, die sich gegen den Strom zum Bürgersteig durchzukämpfen versuchte und gar nicht zu bemerken schien, daß sie von allen Seiten gestoßen und angerempelt wurde. Am Straßenrand hob sie ihren Stock, und tatsächlich hielt ein Wagen, um sie vorüberzulassen. Ohne zu zögern oder sich noch einmal umzusehen, marschierte sie los. Entsetzt sah Tess, wie sich von der Gegenrichtung ein Lieferwagen näherte. Sehr schnell näherte. Der Malergeselle Andreas Koslowski war damit beschäftigt, einer Gruppe junger Mädchen nachzupfeifen, deren Anblick seinen Feierabend versüßte, und bemerkte die alte Frau gar nicht.

Tess stürzte los und legte den wohl besten Spurt ihres Lebens hin. Als die Zigeunerin die Straßenmitte erreichte, geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Koslowski wandte den Kopf wieder nach vorn und erkannte die Gefahr. Obwohl er sein ganzes Körpergewicht auf die kreischende Bremse verlagerte, wußte er, daß er es nicht schaffen würde anzuhalten. Er versuchte auszuweichen. Der Lieferwagen brach aus und schlingerte mit unverminderter Geschwindigkeit auf die alte Frau zu, während der Fahrer verzweifelt die Hupe drückte. Als die Zigeunerin das gellende Signal hörte, wandte sie ihrerseits den Kopf und blieb vor Schreck wie angewurzelt stehen. Nach menschlichem Ermessen hatte sie keine Chance. Das erkannte sie auf einen Blick. Sie ließ ihren Stock fallen und schlug das Kreuzzeichen, während sie ergeben ihrem Schicksal entgegensah. Tess beschleunigte in einer Wahnsinnszeit. Einen Hünen, der ihren Weg kreuzte, stieß sie einfach beiseite, und dem verblüfften Mann blieb kaum der Bruchteil einer Sekunde, um festzustellen, daß es eine hochgewachsene, attraktive Frau mit kastanienbraunem Haar war, die ihn fast umgerannt hatte. Tess hechtete auf die Alte zu, und ihre ausgestreckten Arme erwischten die Zigeunerin, katapultierten sie quer über die Fahrbahn, während Tess keine Chance hatte, ihren Sturz abzufangen. Mit gestreckten Armen schlitterte sie über den Asphalt, spürte, wie die feinen Steinchen, die sich in der rauhen Oberfläche festgesetzt hatten, ihr die Haut von den Handflächen schürften, verlor einen ihrer Pumps und dachte, als sie ein lautes Reißen hörte: „Mein Kleid, oh mein Gott, es hat vierhundert Euro gekostet!“ Erst dann fragte sie sich, ob der Lieferwagen sie erwischt hatte.

Als Koslowski sah, was ein einziger unbedachter Augenblick anrichten konnte, beschloß er, nicht anzuhalten, zumal er weder einen Aufprall gespürt noch dessen akustische Begleiterscheinungen mitbekommen hatte. Außerdem lag sein Führerschein in Flensburg. Geschickt fing er den schlingernden Lieferwagen ab und verschwand in einer Seitenstraße, die die Vorsehung für ihn bereithielt. Dabei hoffte er - zu Recht - darauf, daß niemand sein Nummernschild abgelesen hatte.

Während die alte Frau sich benommen aufrichtete und sich darüber wunderte, daß sie noch am Leben und unverletzt war, drängte der Hüne sich zu Tess durch, die halb auf dem Bürgersteig und halb auf der Straße lag. „Ist Ihnen etwas passiert?“ fragte er atemlos und streckte die Hand nach ihr aus. Sie schüttelte den Kopf, zuckte jedoch zusammen, als er ihren Arm berührte.

„Gebrochen scheint nichts zu sein“, sagte er beruhigend. „Sie sollten aber zur Sicherheit einen Arzt aufsuchen.“

Mühsam humpelte die Zigeunerin zu Tess. Jemand reichte ihr ihren Stock. „Ich werde mich um sie kümmern“, sagte sie. Der Hüne wollte protestieren, schwieg aber, als sie ihm einen herrischen Blick zuwarf. Die alte Frau griff nach ihrem Arm und zog Tess mit sich. Tess stöhnte und wollte etwas sagen, aber die Alte kam ihr zuvor: „Ein Leben für ein Leben, mein Täubchen, das ist die Regel. Du brauchst keine Angst zu haben.“

Wie aus dem Boden gewachsen stand plötzlich ein junger, schnauzbärtiger Mann in einer schäbigen Lederjacke vor ihnen. Die Menge teilte sich vor ihm wie von selbst, so daß die Zigeunerin und Tess keine Mühe hatten, ihm zu folgen.

„Zeig’ mir deine Hände, mein Täubchen“, sagte die Alte. Im Wohnwagen herrschte eine ungewisse Dämmerung. Nur eine trübe Funzel verbreitete etwas Licht. Sanft griff die Zigeunerin erst nach Tess’ rechter, dann nach ihrer linken Hand. Vorsichtig säuberte sie die Wunden und rieb sie mit einer merkwürdig riechenden Tinktur ein, wobei sie ihr Tuch immer wieder in eine Schale mit klarem Wasser tauchte. Dann betrachtete sie aufmerksam die zerschundenen Handflächen und fuhr mit dem Finger eine Linie nach, hörte aber sofort auf, als Tess mit einem leisen „Autsch!“ zusammenzuckte. Sie sah sie ernst an.

„Du hast mein Leben gerettet“, sagte sie. „Dafür stehe ich in deiner Schuld. Ich kann die Schicksale der Menschen in ihren Händen lesen, ich sehe die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.“

Tess runzelte zweifelnd die Stirn, aber die Zigeunerin fuhr in beruhigendem Tonfall fort: „Du hast einen großen Schmerz hinter dir. Ich sehe ein Grab. Jemand, der dir sehr lieb war, ist gestorben. Dein Mann?“

Sie machte eine Pause und beugte sich leicht nach vorn. „Da ist noch ein Mann. Er ist in dein Leben getreten.“ Sie lächelte. „Du wirst ihn heiraten und sehr glücklich ...“

Sie stockte und fuhr sich mit der Zunge nervös über die Lippen. „Auch mir ist es nicht gegeben, alles zu sehen“, fuhr sie fort. „Hier verwirren sich die Linien. Du kannst sehr glücklich werden, wenn du an die Lebenden denkst, nicht an die Toten. - Laß die Toten ruhen“, flüsterte sie und sah Tess dabei eindringlich an. Sie überlegte einen Moment, dann zog sie einen schlichten, goldenen Ring vom Finger und reichte ihn Tess.

„Ein Leben für ein Leben“, sagte sie. „Hättest du mich nicht rechtzeitig weggestoßen, wäre ich jetzt schon im Jenseits. Diesen Ring hat meine Mutter getragen und vor ihr meine Großmutter. Er ist uralt und darf nur in der Familie weitergegeben werden. Dazu gehörst du jetzt, denn du hast mein Leben gerettet!“

Tess hatte die Hand schon ausgestreckt, zog sie aber wieder zurück und wehrte ab: „Das kann ich nicht annehmen.“ Dabei überlegte sie, wie sie sich höflich aus der Affaire ziehen könnte.

Eine Hand packte sie am Arm, nicht unsanft, aber fest, und die Zigeunerin sagte: „Du wirst ihn brauchen. Wer immer ihn trägt, hat drei Wünsche frei. Sie gehen in Erfüllung, denk’ dran. Aber du mußt aufpassen! Gebrauche ihn nicht unbedacht! Denn oft wissen wir gar nicht, was wir uns wirklich wünschen, und wenn wir es dann haben, wollen wir es vielleicht gar nicht mehr.“ Mit diesen Worten steckte sie der verdutzten Tess den Ring an den Finger.

Tess betrachtete ihn lächelnd, hielt ihn ins Licht, das sich glitzernd darin brach. „Vielen Dank“, sagte sie, und: „Haben sie ihn jemals ausprobiert?“

Die Zigeunerin schüttelte den Kopf. „Die Versuchung war groß“, sagte sie und lächelte. Dabei zerbrach ihr Gesicht in Tausende und Abertausende kleiner Falten und Fältchen. Dann wurde sie wieder ernst: „Ich habe immer alles gehabt, was ich brauchte - meistens.“ Sie seufzte. „Ich habe ihn nie benutzt.“

„Und woher wissen Sie, daß er funktioniert?“ fragte Tess. „Ich meine ... als Wunschring!?“

Erstaunt sah die Zigeunerin sie an. „Spürst du seine Macht denn nicht?“

Was immer die Alte mit ihren Händen angestellt hatte, zeitigte Wirkung, wie Tess feststellte, als sie zu Hause war. Ihre Handflächen schmerzten fast nicht mehr, und die Schürfwunden waren bei weitem nicht so schlimm, wie sie anfangs gedacht hatte. Ihr Kleid war zerrissen, und an den Pumps fehlte ein Absatz. Trotzdem fühlte sie sich so gut wie seit langem nicht mehr. Nur kurz vor dem Einschlafen kehrte schmerzhaft die Erinnerung an Hagen zurück.

 

Sie heirateten auf dem Standesamt. Nur ein paar Freunde kamen zu der Feier, die Flitterwochen verbrachten sie auf Fuerteventura. Während dieser Zeit war Matthias die Aufmerksamkeit in Person. Aber die Blicke, die er immer wieder nach den Bikinischönheiten warf, die sich am Strand sonnten, entgingen Tess nicht. „Das ist normal“, sagte sie sich, „er ist ein Mann.“ Aber war es normal? Hatte Hagen das auch gemacht?

Tess hatte die größere Wohnung. Darum löste Matthias seine Junggesellenbude auf und zog zu ihr. Alles klappte bestens, es gab noch nicht einmal Streitereien um die Zahnpastatube, wie sie bei anderen Paaren an der Tagesordnung waren - obwohl Matthias sie einfach in der Mitte ausdrückte. Jedesmal nahm Tess sie hinterher seufzend in die Hand und rollte sie fein säuberlich von unten her auf. Der Ärger begann, als weder Tess noch Matthias ihn erwarteten, und er kam von einer Seite, mit der keiner von beiden gerechnet hatte.

Tess wußte, daß es im Leben eines freien Handelsvertreters Zeiten gab, in denen der Streß zunahm. Erheblich zunahm. Aber das war sie gewohnt, und die Anspannung war noch jedesmal vorübergegangen. Matthias war dabei, eine neue Kollegin einzuarbeiten, und weil sich die Arbeit auf seinem Schreibtisch häufte, mußte er immer öfter Überstunden einplanen und Kundenbesuche und Besprechungen auf den Abend verlegen, so daß er oft erst spät nach Hause kam.

„Heute abend nehme ich M. mit zu einer Besprechung“, erzählte er, als er vom Frühstückstisch aufstand und nach seinem Jackett griff. M. war die Abkürzung für Marion. So hieß seine neue Kollegin. Tess wußte, daß ein größerer Abschluß bevorstand und wünschte ihm viel Glück, als er sie zum Abschied küßte. Sie erinnerte ihn nicht daran, daß heute ihr erster Hochzeitstag war. Kurz danach ging sie selbst ins Büro. Am Nachmittag rief Matthias sie an, um ihr zu sagen, daß sich einiges verzögert habe und es spät werden würde. Sehr spät. Sie brauchte nicht auf ihn zu warten. „Ich liebe dich“, sagte er, als er auflegte.

Am Abend versuchte Tess zu lesen, fand aber die dazu nötige Ruhe nicht. Sie schaltete den Fernseher ein und wieder aus und ging nach Mitternacht zu Bett. Gegen drei wurde sie wach, als Matthias zur Tür hereinpolterte. Er roch nach Alkohol und noch etwas anderem - „Lavendel!?“ ging es Tess flüchtig durch den Kopf - und schnarchte, noch bevor sie das Licht anknipsen konnte. Am nächsten Morgen wirkte er verkatert, aber zufrieden.

„Bingo!“ sagte er. „Es hat geklappt“, und „Oh, das tut mir leid“, als Tess ihm eröffnete, daß er ihren Hochzeitstag vergessen hatte. Seine Betroffenheit war echt. „Ist schon gut“, sagte Tess. „Das ist für dich.“ Damit reichte sie ihm ein Päckchen.

Zwei Stunden später kam Ulla in ihr Büro. Sie war eine Nervensäge, die Tess für gewöhnlich keines Blickes würdigte. Aber jetzt tänzelte sie auf ihren hochhackigen Stelzen zur Tür herein, fragte affektiert nach einer Akte, die Tess garantiert nicht hatte, stöckelte wieder hinaus, drehte sich im Gehen noch einmal um und sagte mit einem Augenaufschlag, der unschuldig wirken sollte: „Ach, übrigens, was war das denn für eine Blondine, mit der ich deinen Matthias gestern abend im ‘Da Botticelli’ gesehen habe?“

Mühsam versuchte Tess, die Fassung zu bewahren. Ihre Gedanken rotierten, während sie sagte: „Meine Cousine Yvonne, wenn es dir nichts ausmacht.“

Mit einem erstaunten „Oh!“ schloß Ulla die Tür.

Für Tess war der Tag im Eimer. Matthias würde so etwas nie tun, sagte sie sich unablässig vor. Andererseits: Hatte er nicht nach Lavendel gerochen, als er nach Hause kam? Und da waren die begehrlichen Blicke nach anderen Frauen, die sie hin und wieder wahrnahm, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Tess saß wie auf glühenden Kohlen an ihrem Schreibtisch, bis der Feierabend kam. Dann hatte sie nur noch einen Gedanken: „Nach Hause!“

Sie schlitterte mit ihrem Fiat aus der Parklücke und brachte ihn vor der Tür mit quietschenden Reifen zum Stehen. Auf der Treppe hielt sie sich zurück, um nicht zwei Stufen auf einmal zu nehmen, und als sich die Tür hinter ihr schloß und sie sich in der gewohnten Umgebung ihrer Wohnung wiederfand, setzte sie sich an den Küchentisch, stützte den Kopf in die Hände und brach in ein hemmungsloses Schluchzen aus. Nach einer Weile stand sie auf und begann, mit Töpfen und Tellern zu hantieren, ließ es aber schließlich bleiben, um hektisch durch die Wohnung zu staubsaugen. Ein Geräusch unterbrach sie in ihrem Tun. Ein Schlüssel drehte sich im Schloß, die Tür klappte und Matthias, in der Hand einen riesigen Strauß roter Rosen, rief aufgekratzt: „Hallo, Tess! Wo bist du denn, Schätzchen? Ich bin extra früher nach Hause gekommen.“

Entgeistert sah er sie an, als sie ihm die Blumen aus der Hand schlug und brüllte: „Du Schwein!“ Sie schluchzte los. „Du mieses Schwein! Das hättest du nicht tun sollen!“

Matthias verstand die Welt nicht mehr. Er versuchte, irgend etwas zu sagen, was sie beruhigen könnte. Aber sie hörte ihm überhaupt nicht zu, und als der erste Teller seinen Kopf nur knapp verfehlte, merkte er, wie er selbst auf einmal auch immer zorniger wurde. Er beschloß, das Klügste zu tun, was ihm im Moment einfiel, und den taktischen Rückzug anzutreten, bevor die Situation weiter eskalierte. Er ballte die Hand zur Faust, öffnete sie wieder, entkrampfte mühsam die Finger und warf die Tür hinter sich ins Schloß. Vielleicht würde Tess sich beruhigt haben, wenn er nach zwei, drei Bier wiederkäme. Er hatte das Gefühl, daß er das jetzt brauchte.

Tess zertrümmerte noch ein paar Tassen und Teller, bevor sie sich aufs Bett warf und ihren Tränen freien Lauf ließ. Dabei schluchzte sie immer wieder: „So ein Schwein! So ein mieses Schwein!“

Irgendwann beruhigte sie sich halbwegs. Sie öffnete die Schublade ihres Nachttischchens, um eine Packung Tempos herauszunehmen. Dabei fiel ihr Blick auf den Ring, den ihr die Zigeunerin gegeben hatte. Matt und unscheinbar lag er da zwischen einem Make Up-Döschen, einer Flasche Nagellackentferner, zwei Kugelschreibern und dem Etui mit der Sonnenbrille. Zögernd streckte sie die Hand danach aus. „Dieses Schwein“, murmelte sie. „Ach Hagen, wenn du doch nur hier wärst.“

Ihre Finger schlossen sich fest um das kalte Metall, das sich in ihrer Hand erwärmte. Sie steckte den Ring an den Finger, drehte ihn einmal, zweimal und zog ihn wieder ab. Nichts geschah. „So ein Unsinn“, sagte sie. Wider ihren Willen mußte sie lächeln. Hatte sie wirklich geglaubt ...

Sie ging in die Küche und fing an aufzuräumen. Sorgfältig sammelte sie die Blumen auf, die sie Matthias aus der Hand geschlagen hatte, und drapierte sie in einer Vase. Jetzt, da ihr Zorn verraucht war, dachte sie, vielleicht hätte sie erst einmal hören sollen, was er zu sagen hatte. Vielleicht war ja alles ganz harmlos und ...

„Hallo!“ sagte eine Stimme.

Vorsichtig steckte Matthias den Kopf zur Tür herein, bereit, ihn sofort zurückzuziehen, sollte eine Untertasse oder ein ähnliches Geschoß unterwegs sein. Tess lächelte traurig.

„Du kannst ‘reinkommen“, sagte sie. „Die Gefahr ist vorüber.“

Matthias fiel aus allen Wolken, als sie ihm eröffnete, was Ulla gesagt hatte. Ja, Ulla hatte recht damit, daß Marion eine attraktive Blondine war. Aber sie hatte unterschlagen, daß neben Marion auch ihr Mann und zwei weitere Geschäftspartner im ‘Da Botticelli’ waren. Der große Deal hatte geklappt und, kurz und gut: Niemand war überraschter als er, daß man eine völlig harmlose Situation derart mißverstehen konnte. Tess schämte sich ihres Gefühlsausbruchs, wie sie es nannte, ein bißchen; aber andererseits war er es ja gewesen, der ihren Hochzeitstag vergessen hatte. Konnte sich eine Frau da nicht ein Quentchen Eifersucht erlauben?

Es war schon spät, und Matthias schlief bereits, als Tess ein leises Pochen hörte. Es kam von der Tür. Zuerst dachte sie, sie hätte sich getäuscht; aber als das Geräusch nicht nachließ, wurde ihr klar, daß dem nicht so sein konnte. Das Pochen wurde lauter, drängender. Matthias schlug die Augen auf. „Was ist denn los?“ fragte er.

„Da ist jemand an der Tür“, flüsterte Tess. Matthias warf einen Blick auf die Digitalanzeige des Radioweckers. „Um halb drei morgens?“ Er sprang aus dem Bett und knipste das Licht an.

Krachend hallte das Pochen durch den Flur. „Tess!“ rief eine dumpfe Stimme, die klang, als käme sie aus einem Grab. „Mach’ auf!“

„Geh’ nicht“, sagte Tess und versuchte, Matthias zurückzuhalten.

„Wer ist denn da? Was soll der Lärm um diese Zeit!?“ rief Matthias und knipste auch in der Diele das Licht an. Die Wohnungstür wölbte sich unter einem erneuten Schlag nach innen, hielt aber stand. Besorgt sah Tess einen Riß in der Maserung erscheinen.

Matthias rief: „Verschwinden Sie oder ich hole die Polizei!“ Er versuchte, seiner Stimme einen festen Klang zu geben; aber Tess hörte die Angst darin und sah die Verwirrung in seinen Augen.

„Mach’ nicht auf!“ sagte sie.

Matthias griff nach dem Telefon, kam aber nicht dazu, die Nummer zu wählen. Krachend flog die Tür aus den Angeln, und in der Diele erschien eine zerlumpte Gestalt. Verwesungsgeruch strömte von ihr aus, und ihr Gang war merkwürdig schleppend. Tess schrie auf, als sie das zerstörte Gesicht sah. Blanker Knochen blitzte ihr im unbarmherzigen Schein der Sechzig-Watt-Birne entgegen. Ein Augapfel hing bis zur Wange herunter, eitrige Flüssigkeit tropfte aus der leeren Höhle. Es war Hagen.

Tess schrie immer noch, als Hagen oder das, was von ihm übrig war, sich Matthias zuwandte, der - fassungslos vor Schreck - den Hörer sinken ließ und zurückwich. Sie schrie, während sie die Schublade aus dem Nachttisch riß und hektisch nach dem unscheinbaren Ring der alten Zigeunerin kramte. In ihrer Angst fand sie ihn nicht sofort, und als sie ihn endlich hatte und sich umwandte, blickte sie in das grauenhaft entstellte Gesicht ihres ersten Mannes. „Er ist tot“, dachte sie. „Er muß tot sein.“ Matthias lag auf dem Boden und stöhnte leise. Blut sickerte aus einer Wunde an seiner Schläfe.

„Komm’ mit“, sagte der Unhold und streckte eine Knochenhand nach ihr aus. Tess nahm all ihren Mut zusammen, packte den Ring und schrie das Monster an: „Hau ab! Verschwinde zurück dahin, wo du hergekommen bist, und laß dich nie wieder hier blicken!“

Etwas berührte sie am Handgelenk. Sie zuckte zusammen, als der Untote sich über sie beugte. In seinem intakten Auge sah sie nichts als eine tiefe, namenlose Traurigkeit. Sie schloß die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war er verschwunden. Zitternd betrachtete Tess den Ring in ihrer Hand. Er fühlte sich merkwürdig warm an, fast ...

„Lebendig!“ dachte Tess.

„Was ist denn hier los?“ In der zerborstenen Tür stand Mira Engberding und streckte ihre neugierige Nase in den Flur. Matthias stöhnte.

„Ihr erster Ehekrach“, lächelte Mira. „Er hat wohl einen über den Durst getrunken, der Gute. Beim nächsten Mal sollten Sie aber etwas leiser sein.“

„Ich glaube, wir brauchen einen Schreiner“, sagte Tess tonlos.

„Keine Sorge, ich schicke Ihnen gleich meinen Mann hoch.“ Mira warf einen abschätzenden Blick auf die Tür. „Für die Nacht wird er das schon hinkriegen.“ Dann fügte sie mit einem Blick auf den stöhnenden Matthias fast bewundernd hinzu: „Alle Achtung! Sie wissen, wie man mit den Kerlen umgeht! Ich habe dazu fast dreißig Jahre gebraucht!“

Am nächsten Morgen meldete Matthias sich krank, Tess ebenfalls. Sie brauchte eine geraume Zeit, ihm alles zu erklären. Schließlich nickte er und sagte: „Worauf warten wir noch?“

Sie fuhren durch die Innenstadt, vorbei an den Fassaden ehemals prächtiger Jugendstilvillen, passierten einen Bahnübergang und ein Gewerbegebiet an der Peripherie, bis sie die Landstraße Richtung Westen erreichten. Nach etwa zwanzig Kilometern folgte Tess einem verwitterten Wegweiser, der auf ein Naherholungsgebiet hinwies, und bog nach links ab. Auf einem holprigen Feldweg näherten sie sich den Rheinauen. Tess parkte den Fiat. Hand in Hand ging sie mit Matthias über eine blumenübersäte Wiese auf den menschenleeren Damm zu. Sie überquerten ihn und traten ans Ufer. Tess öffnete ihre Handtasche und holte den Ring heraus. Sie besah ihn noch einmal von allen Seiten. Dann holte sie weit aus und warf ihn in hohem Bogen in den Fluß. Im Licht der Vormittagssonne blitzte es golden auf, bevor er in der reißenden Strömung versank.

***