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Die Wege des Herrn ...

von Alexander Amberg

Wie die Kuppel eines Domes wölbte sich das grüne Blätterdach über den Weg, als Martin von Worms, seines Zeichens Student der eben erst gegründeten Universität Prag, gen Speyer schritt. Nur mühsam brachen sich die Sonnenstrahlen ihre Bahn durch das dichte Laub. Von fern hörte Martin das ruhige Plätschern des Flusses. In der Nähe sang ein Vogel sein Lied, verstummte jedoch mit einem Schlag. Martin blieb stehen, um zu lauschen. Nicht weit entfernt wieherte ein Pferd. Ungeduldig wischte Martin die Mücken beiseite, die um seine Nase summten. Seine Linke schloss sich fester um das Bündel, das er über der Schulter trug, während die Rechte nach dem Griff des Dolches tastete. Er ging weiter, langsam, und nur allmählich entspannte er sich.

Als er um eine Kehre bog, wichen die Bäume zur Seite und mit ihnen die Schatten, die ihn umgaben. Martin konnte bereits den Waldrand ahnen. Dahinter lagen die Felder, die sich bis zur Stadt erstreckten. Hinter einem Gesträuch machte er die Umrisse eines Wagens aus, von der Art, wie Kaufleute und Händler sie benutzten. Ein Pferd schnaubte. Er hatte bereits den Mund geöffnet, um den Kaufleuten seinen Gruß zuzurufen, als sich etwas wie ein Schraubstock um seine Kehle legte. Martin wurde zur Seite gerissen und ins Gebüsch gezerrt. „Psst“, zischte jemand dicht neben seinem Ohr. „Sie sind noch da!“

„Habt Ihr das auch gehört? Was war das?“, dröhnte ein tiefer Bass vom Wagen her.

„Die Heilige Jungfrau, wer sonst“, erwiderte eine unangenehme Stimme. Sie hatte einen schnarrenden Klang. „Ihr seht ja schon Gespenster, Manfred! Lasst uns verschwinden!“

Metall klirrte auf Metall. Leder knarrte. Wenig später hörte Martin den Hufschlag zweier Pferde, die sich rasch entfernten. Es dauerte noch einen Augenblick, bis der Griff um seine Kehle sich lockerte. Mühsam rang Martin nach Luft. Dennoch schickte er sich an, den Dolch zu ziehen.

„Den könnt Ihr stecken lassen“, flüsterte der Fremde, der ihn festgehalten hatte. „Verzeiht, wenn ich Euch ein bisschen hart angepackt habe. Aber Ihr wärt ihnen beinahe in die Arme gelaufen.“

„Wem?“, krächzte Martin, während er sich seinen schmerzenden Hals rieb.

Jetzt erst hatte er Gelegenheit, den Mann näher in Augenschein zu nehmen. Sein schmutziges Gesicht war glatt rasiert, und die Tonsur wies ihn als Mönch aus. Aus einer uralten, vielfach geflickten Kutte, deren ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen war, ragten zwei kräftige Unterarme, die einem Schmied alle Ehre gemacht hätten. Die Füße des Gottesmannes steckten in Sandalen, die auch schon bessere Tage gesehen hatten. Insgesamt machte er einen abgerissenen, wenig vertrauenerweckenden Eindruck. Aber seine Augen blickten freundlich.

„Wer ... Wer ...?“

„Wer ich bin? Man nennt mich Bruder Anastasius“, sagte der Mönch. „Keine Sorge, Eurem Hals wird es gleich besser gehen. Ich weiß das. Ich gehöre zum Orden des Heiligen Franziskus. Wir kümmern uns um die Kranken und Schwachen, die das Gutleuthaus aufsuchen, etwa eine Meile von hier.“ Mit der Hand machte er eine undeutliche Bewegung in Richtung Westen. „Und Ihr?“ Er maß Martin mit einem abschätzenden Blick. „Wer seid Ihr?“

„Man nennt mich Martin“, brachte Martin hervor. „Martin von Worms.“

„Ihr seid ein fahrender Schüler?“ Es klang nicht wie eine Frage.

„Student“, antwortete Martin und warf sich in die Brust. „Ich bin unterwegs nach Prag, um dort die freien Künste zu studieren. Ich ...“ Er hielt inne. „Was waren das für Leute, die uns nicht sehen sollten?“

Der Mönch zuckte die Achseln. „Strauchdiebe, Raubritter, Meuchelmörder!? Zwei gepanzerte Reiter, die sich über einen Kaufmannswagen hergemacht haben. Die Straßen sind nicht allzu sicher in dieser Zeit. Lasst uns nachsehen, ob wir helfen können, Martin von Worms!“

„Allmächtiger“, entfuhr es Martin, als sie den mit Fässern beladenen Wagen erreichten. Bruder Anastasius schlug das Kreuzzeichen.

Zwei Pferdeknechte lagen erschlagen in ihrem Blut, die Maultiere hingen tot im Geschirr. Der Kaufherr selbst war nur noch am pelzbesetzten Kragen seines blutgetränkten Mantels zu erkennen. Sein verzerrtes Gesicht klaffte nach zwei Seiten auseinander, Hirnmasse quoll aus dem gespaltenen Schädel. Aus dem Stumpf, in dem sein rechter Arm endete, sickerte Blut, das sich in einer riesigen Lache sammelte. Ein Stück weiter lag seine Hand. Sie hielt noch immer den Griff des Schwertes umklammert, mit dem er sich gewehrt hatte.

„Heilige Jungfrau Maria“, flüsterte der Mönch. „Das ist Johannes Krambsfuß.“ Er kniete neben dem Toten nieder und legte den Finger an seine Halsschlagader. Bei den Pferdeknechten verfuhr er genauso.

„Diese elenden Räuber!“ Zornestränen traten ihm in die Augen. Als er aufstand, ballte er die Hände zu Fäusten. „Wisst Ihr jetzt, warum ich Euch zurückgehalten habe?“

Martin nickte. Er war ganz blass um die Nase. Trotzdem sagte er: „Das waren keine Räuber?“

„Nein? Was denn sonst!?“ Kampflustig funkelte Bruder Anastasius ihn an.

Martin schüttelte den Kopf. „Seht Euch doch um. Sie haben nichts mitgenommen. Wer immer das hier getan hat, war auf Mord aus.“

Der Mönch sah Martin nachdenklich an. Schließlich sagte er: „Wohlan, junger Freund, lasst uns für ihre armen Seelen beten.“

 

„Macht schon“, sagte der Mönch. „Beeilen wir uns, in die Stadt zu kommen.“

Doch Martin ließ sich nicht beirren. In geduckter Haltung, die Nase stur auf den Boden gerichtet, lief er hin und her. Nach einer Weile blieb er stehen, bückte sich und rief: „Bruder Anastasius, seht Euch das an.“

Neugierig trat Anastasius näher, um zu sehen, was Martins Aufmerksamkeit erregte. „Pferdeäpfel, na und!“, sagte er.

„Daneben, Bruder Anastasius“, sagte Martin. „Daneben. Der Hufabdruck! Was sagt er uns?“

Bruder Anastasius rümpfte verächtlich die Nase. „Dass sie zu Pferd waren! Dafür brauche ich keine Universität.“ Damit wollte er sich abwenden.

„Seht doch genauer hin“, beharrte Martin. „Es ist ein sehr großer Hufabdruck, von einem riesigen Tier, einem Schlachtross, und das rechte vordere Eisen ist locker. Seht Ihr“ – er deutete mit dem Finger auf die Erde – „hier fehlt ein Nagel, und da hat es sich bereits gelöst. Das Pferd muss in den nächsten Tagen beschlagen werden.“

Der Mönch pfiff anerkennend durch die Zähne. „Und das seht Ihr alles an diesem Hufabdruck? Ich dachte immer, an der Universität lernt man Grammatik und Jurisprudenz, vielleicht noch ein bisschen Theologie und Astronomie ...“

„... und das Denken“, verkündete Martin voller Stolz.

Anastasius warf ihm einen langen Blick zu. „Das behaltet Ihr besser für Euch, Magister Schlauberger. Man könnte Euch falsch verstehen.“ Doch dann zerbrach sein Gesicht in Tausende und Abertausende kleiner Falten und Fältchen, und er fügte lachend hinzu: „Es sei denn, Ihr meint damit das Nachdenken über Pferde.“

 

Sie schritten kräftig aus. Hin und wieder, wenn er glaubte, der Mönch bemerke es nicht, ließ Martin seinen Blick verstohlen über die Felder schweifen. Keiner der beiden sprach den Gedanken aus, dennoch dachten sie dasselbe: Was, wenn die Meuchelmörder zurückkamen?

„Es ist nicht mehr weit“, sagte Anastasius und wies auf die Türme, die sich am Horizont erhoben.

Als sie die aus Fachwerk errichteten Häuser der Vorstadt erreichten, stand Martin der Schweiß auf der Stirn, sein Atem ging schnell. Bruder Anastasius, obwohl bedeutend älter, wirkte nicht halb so angestrengt. Er bahnte sich seinen Weg durch die von Menschen überfüllten Gassen, wich hier einem mit Heu oder Krapp beladenen Karren aus, trat dort nach einer Kuh, die gemächlich über die Straße trottete, und Martin hatte Mühe, ihm zu folgen. Schließlich erstreckte sich vor ihnen der mit fauligem Wasser gefüllte Stadtgraben. Kaum hatten sie die Zugbrücke überquert, wandte Anastasius sich auch schon aufgeregt an einen der Wachsoldaten, die sich im Schatten des Torturms gelangweilt auf ihre Hellebarden stützten.

„Räuber! Sie haben Johannes Krambsfuß und seine Knechte ermordet!“

Mit einem Mal kam Leben in die Männer. Wenig später wimmelte es vor dem Tor von städtischen Söldnern. Pferde wurden gesattelt, und Reisige saßen auf. Ein mürrischer Kriegsmann mit einer riesigen Narbe, die sich quer über sein Gesicht zog, bedeutete Martin und Anastasius, mit ihm zu kommen. Staunend sah Martin sich um, als sie auf die breite Straße traten, die vom Torhaus in gerader Linie zum Dom führte. Sie stapften durch knöcheltiefen Schlamm, vorbei an den Buden der Bäcker und Metzger, die hier ihre Waren feilboten, vorbei an den Frauen und Kindern, die mit offenen Mündern die Soldaten begafften, die sich mittlerweile überall eingefunden hatten, und an den Handwerkern, die aus ihren Läden auf die Straße getreten waren, um einen besseren Blick auf das Treiben vor ihren Türen zu erhaschen.

„Seht nur, wie der Pöbel uns anglotzt!“, murmelte Martin vor sich hin. „Wie es scheint, hat hier jeder seinen spiritus familiaris, der ihm die neuesten Nachrichten ins Ohr raunt.“

Bruder Anastasius schlug das Kreuzzeichen und setzte zu einer Erwiderung an; aber der Soldat kam ihm zuvor. „Das Volk wartet auf die Geißelbrüder. Ein riesiger Zug aus Schwaben soll heute hier eintreffen, lauter fromme Leute.“ Er grunzte verächtlich, bog nach links ab und führte Martin und Anastasius durch ein Gewirr kleiner Gassen und Gässchen, das so verwinkelt war, dass Martin schon bald jegliche Orientierung verlor. Vor einem schmucken Backsteinhaus mit einem kunstvoll gemauerten Giebel blieben sie stehen. Ihr mürrischer Führer trat an den Eingang und streckte die Hand nach dem Klopfer aus, gerade in dem Moment, als die Tür geöffnet wurde. Ein alter Mann in einem dunklen Kaftan trat heraus. Auf der Brust trug er einen hellen Flicken und auf dem Kopf einen spitzen Hut. Ein wallender weißer Bart umrahmte das Gesicht. Er nickte Anastasius zu, der ihn freundlich grüßte.

„Gott zum Gruße, Amaricus“, sagte der Mönch. „Wie gehen die Geschäfte?“

„Ach, schlecht, Anastasius, schlecht, das wisst Ihr doch“, antwortete der Alte mit einem verschmitzten Lächeln. „Wann wäre es den Söhnen Israels jemals gut gegangen?“

Widerwillig trat der Mürrische zur Seite, spie vor dem Alten aus und murmelte so etwas wie „Judengeschmeiß!“, bevor er seine Schützlinge hineinkomplimentierte. Die Hausmagd, die die drei fragend ansah, bedachte er mit einem wölfischen Grinsen, das ihr die Röte ins Gesicht trieb, und säuselte sie an: „Zum Stadthauptmann, schönes Kind!“ Sie beeilte sich, die Ankömmlinge über eine schmale Stiege nach oben zu führen, und klopfte zaghaft an eine reichverzierte Eichentür.

 

Konrad von Weinsberg, der Stadthauptmann, war ein ergrauter Soldat, der sich mit ernster Miene anhörte, was Martin und Anastasius zu berichten hatten. Er ließ einen Schreiber kommen, und Anastasius trug vor, was sich ereignet hatte, beschrieb die furchtbaren Verletzungen, die die Unbekannten Johannes Krambsfuß zugefügt hatten, und erwähnte schließlich auch Martins Beobachtung, dass das Hufeisen eines der Pferde locker sein musste.

Konrad von Weinsberg zwirbelte nachdenklich seinen Schnurrbart und sah erst Anastasius, dann Martin lange an. „Habt Ihr die Mörder gesehen?“

Der Mönch und der Student verneinten. „Aber das Hufeisen“, wandte Martin ein. „Es dürfte nicht schwer fallen, ein Pferd ausfindig zu machen, das neu beschlagen werden muss und einem Gepanzerten gehört. Ihr müsst nur bei den Hufschmieden ...“

Ein Blick des Stadthauptmanns brachte ihn zum Schweigen. „Ich muss gar nichts, Martin von Worms!“ Mit einer Geste entließ er den Schreiber. Dieser packte Tinte und Feder zusammen. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, sagte der Stadthauptmann müde: „So einfach, wie Ihr Euch das vorstellt, ist das nicht. Ihr sagt selbst, dass Ihr den Mörder nicht gesehen habt. Wollt Ihr jetzt sein Pferd fragen?“

„Aber die Gesetze der Logik ...“, erwiderte Martin.

Konrad fuhr unbeirrt fort: „Ich glaube Euch gern, junger Herr, und auch von der Logik habe ich schon gehört. Sie mag für die Universität gut sein. Doch hier gelten andere Gesetze. Zwei gepanzerte Reiter, sagt Ihr, haben den Kaufmann erschlagen? Das müssen entweder Soldaten der Stadtwache gewesen sein oder Bischöfliche. Für meine Soldaten lege ich die Hand ins Feuer. Also waren es die Bischöflichen! Aber der Rat kann sich im Augenblick keine Fehde mit dem Bischof leisten, versteht Ihr?“ Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „In wenigen Stunden wird die Stadt voller Flagellanten sein, die gegen die Juden hetzen – nicht dass mir etwas an diesen Wucherern läge. In Savoyen hat es einen Prozess gegeben, bei dem etliche von ihnen gestanden haben, dass sie Brunnen vergiften und das Blut christlicher Kinder trinken.“

„Ihr wisst, dass das Unfug ist“, fiel Bruder Anastasius ein. „Ihr habt doch soeben selbst mit Amaricus gesprochen.“

„Und dass die Pest unter ihnen nicht so hohe Opfer fordert, liegt daran, dass sie sich öfter waschen als die Christenmenschen da draußen“, fügte Martin hinzu. „Böse Zungen behaupten sogar, dass es die Geißler sind, die die Pest von einem Ort zum andern tragen.“

„Genug“, sagte der Stadthauptmann. „Ich will Frieden in meiner Stadt. Wer seid Ihr schon, Martin von Worms? Was glaubt Ihr, werden die Leute von einem fahrenden Studenten halten, der behauptet, zwar nicht den Mörder zu kennen, wohl aber sein Pferd? Ein Hexenmeister, werden sie sagen, und Schlimmeres.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, Martin von Worms, so einfach ist das alles nicht. Aber bleibt in der Stadt, vielleicht habe ich noch ein paar Fragen an Euch. Wo gedenkt Ihr, Unterkunft zu finden?“

Ratlos blickte Martin zu Anastasius. „Im Gasthaus von Bernward zur Krone“, fiel der Mönch hilfreich ein. Der Stadthauptmann nickte. Damit waren sie entlassen.

 

„Was hat er damit gemeint – den Mörder bei den Bischöflichen suchen?“, fragte Martin den Mönch, als sie wieder auf der Gasse waren.

Der Franziskaner presste die Lippen aufeinander. „Kommt weiter“, sagte er und zog Martin mit sich. „Man sieht, dass Ihr nicht von hier seid“, begann er, als sie ein Stück gegangen waren, und gab einem Schwein, das grunzend im Unrat schnüffelte, einen Tritt. „Vor fünf Generationen hat Philipp von Schwaben, Gott sei seiner Seele gnädig, den Bürgern das Recht verliehen, einen eigenen Rat zu wählen, der die Stadt regiert. Seitdem liegen sie im Streit mit dem Bischof, der dieses Privileg für sich in Anspruch nimmt.“ Er kicherte freudlos. „Deshalb ist es am einfachsten, den Mörder bei den Bischöflichen zu suchen.“

„Aber Ihr glaubt das nicht!?“, sagte Martin und versuchte, mit dem Mönch Schritt zu halten, als dieser um eine Ecke bog.

Anastasius schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube das nicht.“

„Und warum nicht?“

„Nicht jetzt“, sagte der Franziskaner und blieb stehen. Ein klatschendes Geräusch, gefolgt von einem vielstimmigen Stöhnen, drang an Martins Ohren. Er verstummte.

Vor sich sah er den Marktplatz, auf dem sich eine Menschenmenge drängte, dahinter Soldaten der Stadtwache. Zur Rechten erhob sich im Licht der Nachmittagssonne majestätisch der Dom. Davor war eine Abteilung Bewaffneter in den blau-gelben Farben der Bischöflichen aufmarschiert.

„Die Geißler“, sagte Anastasius und wies auf eine dunkle Gestalt, die inmitten der Menge auf einem Fass stand, das kurzerhand zur Kanzel umfunktioniert worden war. „Das ist ihr Meister.“

„Ihr Schlangengezücht“, dröhnte die Stimme des Dunklen herüber, „Ihr verkommenes und ungläubiges Geschlecht! Eure Geilheit macht Eure Leiber zur Pestilenz tauglich und ...“

„... und Ihr und Eure Kinder werdet unter die Hufe der Sarazenenrosse fallen“, flüsterte Martin ins Ohr des Mönchs.

„... und Ihr und Eure Kinder werdet unter die Hufe der Sarazenenrosse...“, intonierte der Schwarzgekleidete.

„Sie predigen überall dasselbe“, murmelte Martin.

Ein paar Köpfe drehten sich nach ihm um. „Still!“, zischte ein Handwerksgeselle, dessen Atem nach Wein roch, und warf Martin einen bösen Blick zu. „Kommt“, sagte Anastasius und zog ihn weiter.

 

Im Gasthaus des Bernward zur Krone ging es hoch her, als der Abend anbrach. Ein paar Ackerbürger rutschten auf ihren Bänken zusammen, um dem Studenten und dem Mönch Platz zu machen. Eine Magd stellte eine Platte mit Wildbret und Brot vor ihnen auf den Tisch, dazu zwei Humpen Bier. Erstaunt sah Martin, wie der Mönch auf einmal ein Messer in der Hand hielt, das er aus den Tiefen seiner Kutte hervorgeholt haben musste, und sich über den Braten hermachte.

„Mens sana in corpore sano, wie der Philosoph sagt“, kommentierte Anastasius, mit vollem Mund kauend, den Blick seines Tischgenossen, indem er sich mit dem Ärmel das Fett aus dem Mundwinkel wischte. „Greift zu, solange noch etwas da ist.“ Und Martin griff zu. Während des Essens ließ er seine Blicke durch die Gaststube schweifen. Am Fenster saßen ein paar rotgesichtige Bauern, die dem Würfelspiel frönten. Neben dem lodernden Kaminfeuer zechte eine Gruppe schwäbischer Ritter, in einer Ecke daneben sprachen vier oder fünf reichlich abgerissene Handwerksburschen eifrig dem Wein zu. Ein Mann in einem dunklen Kaftan und ein Lautenspieler, der sein Instrument neben sich auf die Bank gelegt hatte, redeten auf Bernward, den Herrn des Hauses, ein, der ihnen ernst zuhörte, hin und wieder nickte und schließlich dem Musikanten die Hand reichte. Eine Münze wechselte den Besitzer, und der Musiker begann sein Instrument zu stimmen.

Martin fiel auf, dass bis auf die Handvoll betrunkener Gesellen kein Angehöriger einer Zunft in der Schankstube zu sehen war. Soviel sagte er auch, und Anastasius wollte etwas erwidern, aber einer der Ackerbürger kam ihm zuvor.

„Die Zünftigen braucht Ihr in der Krone nicht zu suchen“, grölte er, „die ist ihnen nicht gut genug. Da müsst Ihr schon in die Münze gehen, wenn Euch deren Gesellschaft besser behagt.“

Einige der Männer wandten den Kopf, und ein paar ausdruckslose Blicke streiften Martin. Anastasius hob seinen Humpen und prostete ihnen lächelnd zu. „Der junge Herr ist fremd hier, darum steht er auch unter dem Schutz eines Gottesmannes.“ Krachend ließ er den Krug auf die Tischplatte fallen. „Bernward! Habt Ihr noch mehr von diesem göttlichen Trunk?“

Bernward gab einer der Mägde einen Wink, und sie kam hüftschwingend an den Tisch. Als sie ging, blickte Martin ihr nach.

„Der Satan begegnet uns in vielerlei Gestalt“, meinte Anastasius und rülpste. „Auch in einer derart gottgefälligen Form. Lasst die Finger von ihr, sie ist die Tochter des Hausherrn. Wenn es Euch gar zu sehr juckt, weise ich Euch gern den Weg zum Rossmarkt.“

Auf Martins erstaunten Blick hin fuhr er fort: „Dort bekommt Ihr gegen bare Münze einen ordentlichen Ritt - in einem christlichen Hurenhaus.“ Der Mönch lachte schallend, als Martin über und über rot wurde.

„Das war nur ein Scherz“, sagte Anastasius beschwichtigend. „Seht Euch diesen Heiden an.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf den Mann im Kaftan, der aufgestanden war und dem Ausgang zustrebte. „Er hat mit Sicherheit größere Sorgen als Ihr. Ihr wisst, dass dieses Volk von Brunnenvergiftern einem schweren Los entgegengeht?“

In diesem Augenblick flog die Tür auf, und ein bewaffneter Knecht trat ein, die Hand am Schwertknauf. Er machte Platz für einen Mann in mittleren Jahren, dessen kurzen, schwarzen Bart graue Fäden durchzogen. Der ebenfalls schwarze, pelzbesetzte Mantel wies ihn ebenso wie die silberne Kette, die er um den Hals trug, als Ratsherrn aus. Als der Jude sich an ihm vorbeizwängen wollte, stieß der Knecht ihn gegen die Brust.

„Platz da, du Heide, für den Ratsherrn Gottschalk Schaff zur Eck.“

Mit einer jovialen Geste gebot Gottschalk seinem Knecht Schweigen und trat einen Schritt zur Seite, um den Mann vorbeizulassen. Die Linke des Ratsherrn ruhte auf dem Schwertknauf, und um seine Lippen spielte ein Lächeln, als er seinem Bediensteten gebot, draußen zu warten. Der Knecht grinste, wartete, bis der Jude vorüber war, und schloss die Tür hinter sich.

Martin wollte aufspringen, doch Anastasius legte ihm besänftigend die Hand auf den Arm. Er sah Martin fest in die Augen und schüttelte beinahe unmerklich den Kopf. „Er wird ihn schon nicht umbringen“, flüsterte er. „Warum für einen Heiden den Hals riskieren?“

Doch Martin hörte nicht auf ihn. Er sprang auf und stürzte ins Freie. Anfangs hatte er Mühe, sich im Dunkeln zurechtzufinden. Im schwachen Lichtschein, der aus den Fenstern nach draußen drang, konnte er gerade noch zwei Gestalten ausmachen, die sich an die gegenüberliegende Hauswand drückten. Erst auf den zweiten Blick erkannte Martin, dass der Knecht den Juden bei der Gurgel gepackt hatte und zudrückte. Als er Martins Stimme hörte, fuhr er herum. Seine Rechte zuckte zu dem Dolch, den er am Gürtel trug.

„Euer Herr verlangt nach Euch“, sagte Martin mit fester Stimme. Fluchend versetzte der Knecht seinem Opfer noch einen Hieb und wandte sich dann von ihm ab. Der Mann machte sich hastig davon.

Als Martin in die Schankstube zurückkehrte, sah er den durchdringenden Blick des Ratsherrn auf sich gerichtet. Gottschalk Schaff zur Eck sah ihn an, als wolle er ihn durchbohren. Neben ihm saßen zwei Ritter, ein schwarzbärtiger Riese, über dessen linke Wange sich eine hässliche Narbe zog, und ein kleiner Rothaariger, der wie ein Frettchen aussah. Seine Augen huschten unstet hin und her. Der Ratsherr setzte dazu an, etwas zu sagen, doch in diesem Augenblick fing der Troubadour an zu spielen. Er schlug so heftig in die Saiten, dass für einen Moment Stille eintrat, bevor Anastasius brüllte: „Bernward, noch zwei Humpen!“

 

„Wie kann ein einzelner Mann nur so dumm sein“, zischte der Mönch. „Das ist Gottschalk Schaff zur Eck, einer der mächtigsten Ratsherren der Stadt. Der schwarzbärtige Recke neben ihm ist Manfred von Affolterlohe und der andere, der aussieht wie ein Frettchen, Reinhard von Neuhofen. Die beiden sind die übelsten Raubritter weit und breit und Gottschalk der schlimmste Judenfeind, den Ihr Euch denken könnt. Ich gratuliere dem Herrn Studenten! Noch nicht einmal die Heilige Mutter Kirche hat derart gefährliche Gegner wie Ihr.“

„Die Heilige Mutter Kirche hat keine Gegner, jedenfalls nicht hierzulande“, entgegnete Martin, „und der Sultan von Damaskus ist weit.“

„Mag sein“, sagte der Mönch. „Aber Eure Probleme liegen näher. Ich habe Euch doch gesagt, dass es hier“ – er räusperte sich – „Unstimmigkeiten gibt zwischen dem Rat und dem Bischof. Aber auch innerhalb der Bürgerschaft steht nicht alles zum Besten. Als Philipp von Schwaben dieser gottseligen Stadt den Freiheitsbrief ausgestellt hat, meinte er, die Zünfte sollten die Ratsherren stellen. Leider Gottes waren da noch die reichen Kaufleute, Patrizier, wie ein Lateiner wie Ihr sagen würde, Hausgenossen und Münzer, als die ein barfüßiger Franziskaner aus der hiesigen Gegend sie kennt. Sie konnten einfach zu keiner Einigung finden, wer die Stadt letztlich regieren soll. Deshalb kam es, wie es in einem solchen Fall kommen muss, die Hausgenossen rückten mit einer Streitmacht von fünfzehnhundert Bewaffneten gegen die Stadt, um das Regiment der Zünfte endgültig zu brechen. Und wer, glaubt Ihr, hat sie angeführt?“

Martin von Worms nahm einen tiefen Schluck aus seinem Krug und zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht. Aber Ihr werdet es mir bestimmt gleich sagen.“

Der Franziskaner funkelte ihn zornig an. „Der Mann, den Ihr soeben aufs Äußerste erzürnt habt.“

„Doch nicht etwa Ihr?“

Anastasius machte eine wegwerfende Handbewegung. „Gottschalk Schaff zur Eck. Doch er hatte Pech. Sein Anschlag wurde entdeckt. Ein Kaufmann, der mitten in der Nacht von einer seiner Reisen zurückkehrte, stolperte fast über den Kriegshaufen und alarmierte die Wachen. Als die Hausgenossen – ein Schlaumeier wie Ihr würde wahrscheinlich sagen: Patrizier – mit ihren Soldaten vor die Mauern zogen, waren die Brücken hochgezogen. Das war’s. Der Rat sprach die Verbannung aus, und wer zurückkehren wollte, musste einen Treueid leisten.“ Der Franziskaner strich sich über sein stoppeliges Gesicht. „Sie sind alle zurückgekehrt, die meisten sogar ohne Strafe, und was die Zünfte damals erreicht haben, mussten sie schnell wieder abgeben. Wie Ihr seht, ist auch Gottschalk Schaff zur Eck wieder in Amt und Würden. Und heutzutage, Martin von Worms, ist die Kluft zwischen Stadt und Bischof wahrscheinlich nicht halb so groß wie diejenige zwischen Zünften und Hausgenossen.“ Der Mönch nahm einen kräftigen Schluck, bevor er weitersprach: „Wie, glaubt Ihr, hieß jener Kaufmann, der die Stadt gerettet hat?“

Martin sah den Mönch auffordernd an, doch der trank erst noch einen Schluck. „Johannes Krambsfuß. Er war ein kleiner Weinkaufmann, keiner der großen Kaufherren, und er hatte das Pech, am Severinstag im Jahre 1330 des Herrn zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Wenn es keine Sünde wäre, würde ich darauf wetten, dass, wer auch immer Johannes Krambsfuß ermordet hat, mit den Hausgenossen paktiert. Und wer mit den Hausgenossen paktiert, paktiert mit Gottschalk Schaff zur Eck.“

„Das ist dann wohl auch der Grund, warum der Stadthauptmann lieber nicht nach dem Pferd suchen lässt, das beschlagen werden muss.“

„Ihr sagt es“, sagte der Mönch und rülpste. „Schlafende Hunde soll man nicht wecken.“

Martin sah Anastasius zweifelnd an. „Das ist achtzehn Jahre her.“

Doch der Mönch fuhr unbeirrt fort: „Die Gegensätze zwischen Rat und Bischof sind bei Weitem nicht so groß wie der Streit zwischen den Zünften und den Hausgenossen. Denkt immer daran!“

Der Lautenspieler hatte mittlerweile seine Weise gewechselt und spielte ein eher ruhiges Lied. Am Tisch der Handwerksburschen wurde es laut, und Bernward kam herbeigeeilt, um nach dem Rechten zu sehen. Gottschalk Schaff zur Eck erhob sich, ließ ein paar Münzen auf die Tischplatte fallen und ging. Die beiden Ritter folgten ihm. Im Hinausgehen streifte der Blick des Ratsherrn den Mönch und blieb einen Moment auf Martin haften, bevor der Patrizier sich mit ausdruckslosem Gesicht abwandte. Anastasius bestellte lautstark zwei weitere Humpen, nachdem er sich bei Martin vergewissert hatte: „Ihr habt doch genügend Pfennige in Eurer Börse, wie es sich für einen Studenten gehört?“

Martin nickte nur, und da er sein Wasser abschlagen musste, fragte er nach dem Abtritt. Anastasius wies ihm den Weg. Er schien sich wirklich gut auszukennen, und Martin überlegte, ob sich das für einen frommen Bruder geziemte.

„Durch die Tür da hinten und über den Hof. Ihr könnt aber auch gleich auf den Misthaufen hinter dem Haus ...“

 

Als Martin die Tür hinter sich schloss, war es stockdunkel um ihn. Zu seiner Rechten, entlang der etwa mannshohen Mauer, die Bernwards Hof von der Straße trennte, konnte er einen Stapel Fässer ausmachen. Daneben zogen sich, sauber aufgeschichtet, mehrere Reihen Brennholz bis zu einem dunklen Torbogen hin. Zur Linken, gegen die Hauswand, ahnte er den Misthaufen. Er roch ihn eher, als dass er ihn sah. Der Lärm aus dem Schankraum drang nur gedämpft nach draußen. Martin überlegte einen Augenblick, dann tastete er sich vorsichtig über den finsteren Hof. Als er an sein Ziel gelangt war, fluchte er; denn aus der Latrine schlug ihm ein noch schlimmerer Gestank entgegen als vom Misthaufen, sodass er sich vornahm, heute Abend nicht mehr so viel zu trinken. Er schickte sich an zurückzugehen, doch schon nach einer kurzen Strecke hörte er einen Laut, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er blieb stehen, als wäre ihm der Leibhaftige persönlich erschienen.

„Was war das?“, fragte ein tiefer Bass.

Martin wagte kaum zu atmen. Er kannte diese Stimme. Er hatte sie heute Morgen gehört, als Bruder Anastasius ihn unfern der Leichname ins Gebüsch gezerrt hatte.

„Ach, nichts. Ihr seht wieder Gespenster, Manfred“, schnarrte ein zweiter Mann.

„Wie dem auch sei, Ihr wisst Bescheid!“

„Keine Sorge, Meister Gottschalk. Wir haben schon ganz andere das Fürchten gelehrt ...“ Das war wieder der Bass.

Das Frettchen bekundete seinen Beifall mit einem hässlichen Kichern, in dem der Rest des Gesagten unterging. „Frühmesse ... wenn er ...“, war alles, was Martin mitbekam. Er schlich sich näher an die Mauer heran. Um besser hören zu können, beugte er sich weit über das aufgestapelte Brennholz. Seine Linke glitt suchend über die Scheite und prüfte, ob sie fest saßen.

„Hier“, sagte eine Stimme. Das musste Gottschalk sein. „Nehmt das.“ Martin hörte ein Klimpern und leises Gemurmel und beugte sich ein Stück weiter nach vorn. Dabei geschah es. Mit der Rechten, die er zu Hilfe nehmen musste, um das Gleichgewicht zu wahren, stieß er gegen ein Scheit, das nur lose auf dem Stapel lag. Es geriet ins Rutschen, und mit ihm ein paar weitere. Noch bevor Martin begriff, was geschah, polterten die Scheite zu Boden.

„Hol’s der Teufel“, zischte der Bass. „Da ist einer.“ Martin hörte ein metallisches Klirren, so als würde ein Dolch gezogen, danach eilige Schritte. So tief es ging, duckte er sich in die Schatten, die ihn umgaben, und hielt den Atem an. Zum Greifen nahe erschien über ihm, auf der Mauerkrone, der rote Schopf des Frettchens. In diesem Augenblick flog die Tür zum Schankraum auf, ein Betrunkener torkelte heraus und stellte sich an den Misthaufen. Fluchend nestelte er an seinem Hosenlatz, und kurz darauf verkündete ein lautes Plätschern, was er da tat. Im ungewissen Schein des Lichts, das aus der Gaststube drang, sah Martin, wie der suchende Blick des Frettchens über den Hof glitt und auf dem Betrunkenen haften blieb. Die schmalen Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Der Kopf verschwand. Ein leises Murmeln. Mit einem sachten Schleifen glitt ein Dolch zurück in die Scheide. Schritte entfernten sich. Erleichtert atmete Martin auf.

Anastasius nickte ernst, nachdem Martin ihm das Gehörte im Flüsterton geschildert hatte.

„Ihr habt recht gehabt, Bruder Anastasius“, schloss Martin seinen Bericht. „In allem.“

„Ich weiß“, sagte der Mönch. „Auch ich habe ihre Stimmen erkannt – als Ihr damit beschäftigt wart, dem Heiden das Leben zu retten.“

Martin fuhr hoch. „Und das sagt Ihr mir erst jetzt!?“

Beschwichtigend legte Anastasius ihm die Hand auf den Arm. „Gemach, gemach, junger Freund. Morgen früh gehen wir zum Stadthauptmann. Aber vorher horche ich an einem von Bernwards wunderbaren Strohsäcken, und Ihr tut das besser auch!“

 

Früh am nächsten Morgen rüttelte Anastasius Martin wach. Hufschlag und Kommandorufe drangen von der Straße herein. Mit den Worten „Steht auf, junger Freund, da ist etwas im Gange“ kratzte sich der Mönch erst am Kopf, dann in den Tiefen seiner Kutte. Martin tat es ihm gleich. „Ich habe ganz vergessen, welch wunderbare Bewohner Bernwards Strohsäcke haben“, brummte der Mönch.

Während des kargen Frühstücks war von Bernward nichts zu sehen. Dafür hatte die Magd, die ihnen das lauwarme Bier brachte, Neuigkeiten, als Anastasius sie fragte, was der Tumult auf der Straße zu bedeuten habe.

„Ein Domherr ist auf dem Weg zur Frühmesse erschlagen worden“, erzählte sie mit leuchtenden Augen. „Direkt vor der Pfalz des Bischofs. Als sie ihn gefunden haben, hat ein Schwein an seinem Gehirn gefressen, und die rechte Hand haben sie ihm abgehackt. Die frommen Geißelbrüder sagen, dass es die Juden gewesen sind. Der Teufel hat sie dazu angestachelt.“ Sie schlug das Kreuzzeichen.

Martin und Anastasius sahen einander an. „Tragt dieses köstliche Mahl wieder zurück in die Küche, mein Kind“, sagte der Mönch. „Wir werden es später zu uns nehmen.“ Mit Martin im Gefolge hastete er los. Als sie sich dem Marktplatz näherten, hörten sie schon von Weitem die Predigt des Geißlers. „Ihr Schlangengezücht ... Satan wandelt unter Euch, und Ihr erkennt ihn nicht. Die heidnischen Israeliten ...“

In der Ferne erkannte Martin die Gestalt Gottschalks Schaff zur Eck unter den Zuhörern. Weit über Martins Kopf flog ein Fensterladen auf. Anastasius zog seinen Begleiter im letzten Augenblick zur Seite, bevor der Inhalt eines Nachttopfes klatschend neben ihnen landete.

Vor dem Haus des Stadthauptmanns unterhielt sich ein Knecht, der ein gesatteltes Pferd am Zügel hielt, mit zwei Bewaffneten. Sie beäugten Martin und Anastasius argwöhnisch und verwehrten den beiden den Zutritt.

„Ihr Einfaltspinsel“, brüllte der Mönch. „Ihr Hundefürze. Im Höllenfeuer sollt Ihr brennen, wenn Ihr nicht sofort nach Konrad von Weinsberg ...“

„Was soll der Aufruhr?“ In der Tür stand der mürrische Soldat, der sie gestern hierher geführt hatte. Als er Martin und Anastasius erkannte, winkte er ihnen, näherzutreten. Fast widerwillig ließen die Wachen ihre Hellebarden sinken.

Konrad von Weinsberg war im Harnisch und überprüfte den Sitz seines Schwertgurtes, als seine Besucher eintraten. „Macht schnell“, sagte er. „Die Zünfte sind unter Waffen, weil man ihnen den Mord an einem Domherrn in die Schuhe schiebt, und die Bischöflichen marschieren auf. Jetzt ist, weiß Gott, nicht der Augenblick für eine Geschichte über Hufabdrücke.“

Trotzdem nahm er sich die Zeit und lauschte dem Bericht des Mönchs mit ausdrucksloser Miene. Als Anastasius geendet hatte, rieb Konrad von Weinsberg sich nachdenklich das Kinn.

„Sieh an, Affolterlohe und Neuhofen“, brummte er und zwirbelte seinen Schnurrbart. „Zwei Raubritter. Das wird den Bischof und den Bürgermeister gleichermaßen freuen.“

Er bellte ein paar Befehle, und zwei Knechte machten sich auf den Weg. „Und Ihr“, herrschte er den Mürrischen an, „nehmt zwei Männer und seht Euch die Ställe der Hufschmiede an.“

Während der Soldat, lautstark nach einer Armbrust brüllend, verschwand, traf ein Bote ein, der berichtete, dass der Volkshaufen auf dem Marktplatz sich in Richtung Judenviertel in Bewegung gesetzt hatte. Konrad von Weinsberg, bereits auf der Treppe, beorderte einen Teil der Stadtwache dorthin und brüllte nach seinem Pferd.

„Wir begeben uns zum Palast des Bischofs“, wandte er sich an Martin und Anastasius. „Er muss seine Truppen zurückrufen, sonst kommt es zum Blutvergießen.“

 

Konrad von Weinsberg hatte einige Mühe, den Bewaffneten, die ihnen den Weg versperrten, sein Anliegen zu erklären. Die flämischen Söldner verstanden ihn nicht, und erst als ein Hauptmann zu ihnen trat, ließen sie die Gruppe passieren. In der Halle der bischöflichen Pfalz drängten sich die Menschen, Bewaffnete, Priester und Hunderte von Juden, wie es schien, die sich hierher geflüchtet hatten. Ein Portal wurde geöffnet, und ein Soldat bedeutete Konrad, Anastasius und Martin hindurchzugehen. Er führte sie einen langen Gang entlang und eine Treppe empor. Schließlich blieb er stehen und klopfte an eine Tür. Von drinnen erscholl Gemurmel als Antwort, und er öffnete. Ehrerbietig trat Konrad ein, gefolgt von Martin und Anastasius. Der Mönch hielt den Kopf gesenkt.

Bischof Gerhard von Erenberg war eine imposante Erscheinung, ein mächtiger Mann von nicht minder mächtiger Statur. Unruhig schritt er in dem großen Saal auf und ab und lauschte den Ausführungen eines alten Mannes im Kaftan. Es war Josef Amaricus, der Vorsteher der jüdischen Gemeinde.

Der Bischof blieb gerade so lange stehen, dass die Ankömmlinge niederknien und seinen Ring küssen konnten. Dann nahm er seine Wanderung quer durch den Raum wieder auf. Martin sah, dass er unter dem Mantel einen Harnisch trug.

„Seit dreihundert Jahren lebt unser Geschlecht in der Stadt ...“, sagte Amaricus.

„Ich weiß, ich weiß.“ Gerhard von Erenberg winkte ab. „Keinem von euch wird ein Haar gekrümmt. Auf mein Wort! – Was wollt Ihr!?“, herrschte er den Stadthauptmann an. Konrad von Weinsberg berichtete, was er zu berichten hatte. Gottschalk Schaff zur Eck erwähnte er mit keinem Wort.

„Raubritter ...“, sagte der Bischof, als Konrad geendet hatte. „Interessant! Das fällt in die Gerichtsbarkeit des Kaisers!“ Er rief einen Diener herbei und murmelte ein paar Befehle. Als der Knecht gegangen war, sagte er: „Zieht Eure Leute zurück, Konrad, und sorgt dafür, dass meinen Juden nichts geschieht. Sie stehen unter meinem persönlichen Schutz.“ Damit wandte er sich ab. Die drei waren entlassen.

 

„Warum hat der Bischof so schnell eingelenkt?“, fragte Martin, als er später am Abend mit Anastasius in Bernwards Gaststube saß.

„Purer Eigennutz“, antwortete der Mönch. „Gerhard braucht die Juden. Sie finanzieren seine Unternehmungen. Und mit Neuhofen und Affolterlohe hat er jetzt ja die Schuldigen, die seinen Domherrn erschlagen haben.“

„Und was ist mit Gottschalk?“

Anastasius legte die Stirn in Falten. „Er ist ein Ratsherr“, antwortete er schließlich. „Und Beweise gegen ihn gibt es nicht – jedenfalls so lange nicht, bis Neuhofen und Affolterlohe auf der Streckbank seinen Namen nennen. Die Wege des Herrn sind eben unergründlich, mein Sohn.“ Der Mönch strich sich nachdenklich über sein stoppeliges Kinn. „Gottschalk hat die Israeliten schon immer gehasst ... Würden gewisse Leute über die Klinge springen, wäre er mit einem Schlag all seine Schulden los. Zugleich hätte der Bischof keine Geldgeber mehr. – Mit Johannes Krambsfuß hat er eine alte Rechnung beglichen. Vielleicht wollte er den Juden den Mord in die Schuhe schieben. Er hat ja gewusst, dass die Geißler kommen und gegen die Heiden hetzen würden. Mit dem Mord an dem Domherrn wollte er den Bischof gegen die Stadt aufbringen und so die Zünfte schwächen. Wer weiß, wen er noch alles beseitigen wollte – oder will!“

„Meint Ihr?“, fragte Martin.

„Ich würde meine Schwerthand darauf verwetten“, sagte eine Stimme in seinem Rücken. Überrascht fuhr Martin herum. Hinter ihm stand der Mürrische. Er versuchte so etwas wie ein Lächeln; aber die Narbe, die sich quer über sein Gesicht zog, verlieh ihm das Aussehen eines hungrigen Wolfes.

„Nehmt Platz, setzt Euch zu uns“, forderte Anastasius den Söldner auf und rutschte auf seiner Bank ein Stück zur Seite. „Erzählt uns, was Euch begegnet ist. Habt Ihr das Pferd gefunden?“

„Später“, wehrte der Soldat ab. „Erst muss ich ...“

Der Mönch hörte nicht auf ihn. „Bernward“, brüllte er. „Noch einen Humpen.“

Doch der Mürrische schüttelte den Kopf. „Konrad von Weinsberg schickt nach Euch. Er will Euch beide sprechen – noch heute Abend.“

„Gern“, sagte Anastasius. „Es ist uns eine Ehre. Trinkt trotzdem mit uns. Seht doch, Bernward ist bereits unterwegs.“ Mit diesen Worten zog er den widerstrebenden Soldaten neben sich auf die Bank. Tatsächlich kam Bernward persönlich herangetrabt. In den Händen trug er drei bis an den Rand gefüllte Krüge. Offensichtlich wusste er den Durst des Mönchs richtig einzuschätzen.

„Sagt, wie ist es Euch ergangen? Habt Ihr sie?“

„Nicht ganz.“

„Nun sprecht schon. Spannt uns nicht auf die Folter!“

Der Mürrische räusperte sich und sah Martin bedeutungsvoll an. „Ihr habt recht gehabt. Sie hatten ihre Tiere bei Kaspar Merckel untergestellt, weil Affolterlohes Pferd beschlagen werden musste. Am rechten vorderen Huf – wie Ihr gesagt habt. Als wir kamen, wollten Neuhofen und Affolterlohe gerade ihre Pferde abholen.“ Der Mürrische lachte freudlos. „Aber meine Männer waren zu voreilig. Hans Schwenck zog sein Schwert und drang auf Affolterlohe ein, noch bevor ich etwas tun konnte. Otho Geißfuß tat es ihm gleich.“

Der Mürrische wischte sich über die Stirn, griff nach dem Krug, den Bernward vor ihn hingestellt hatte, nahm einen tiefen Schluck und setzte ihn krachend wieder ab. „Heilige Mutter Gottes, Affolterlohe kämpft wie der Leibhaftige persönlich. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so mit dem Schwert umgeht wie er. Ehe wir’s uns versahen, hatte er Hans Schwenck die Schwerthand abgehackt – trotz Handschuh! Könnt Ihr Euch das vorstellen? Schwenck hat nur dagestanden und blöde auf seinen Stumpf geglotzt. Hat keinen Ton von sich gegeben, als Affolterlohe ausholte, um ihm den Schädel zu spalten. Der Geißfuß ergriff unterdessen das Hasenpanier. Seitdem hat er sich nicht wieder blicken lassen.“ Der Mürrische knirschte mit den Zähnen, und seine haarigen Hände krümmten sich zu Klauen. „Ich werde dem Feigling den Hals umdrehen, wenn ich ihn erwische.“ Erbost griff er nach dem Krug. „Auf jeden Fall kann ich jetzt beschwören, dass Johannes Krambsfuß und der Domherr durch Affolterlohes Streiche starben. So führt kein Zweiter das Schwert!“

„Und was ist mit Schwenck?“ Martin hing an den Lippen des Söldners. „Ist er ...?“

Der Mürrische schüttelte den Kopf. „Affolterlohe hat von ihm abgelassen, als ich ihm einen Armbrustbolzen durch den Arsch geschossen habe. Das hat ihm wohl die Lust genommen, Schwenck den Schädel zu spalten. Der Rothaarige, Reinhard von Neuhofen, war schon aufgesessen und führte Affolterlohes Pferd am Zügel. Ich weiß nicht, wie er es auf seinen Gaul geschafft hat. Aber so sind die beiden entkommen.“

„Sie können nicht weit sein“, sagte Anastasius. „Die Tore waren ja geschlossen.“

Der Mürrische schüttelte müde den Kopf. „Nicht alle. Das Weidentor war noch offen.“

„Wie das?“, fragte Martin empört. „Die Anordnung war doch ...“

„... eindeutig?“ Der Mürrische lachte. „Gottschalk Schaff zur Eck hatte das Tor besetzt. Seine Leute sagen, sie wollten es gerade schließen, da seien zwei Reiter hindurchgeprescht. Alles ging so schnell, dass sie niemanden erkennen konnten. Es könnten Affolterlohe und Neuhofen gewesen sein. Aber mit Sicherheit weiß es natürlich niemand.“ Er sah Martin und Anastasius ernst an. „Das ist auch der Grund, warum ich hier bin. Konrad von Weinsberg lässt Euch ausrichten, dass Ihr Euch besser auf den Weg machen solltet, bevor Ihr eines Morgens mit einem Dolch zwischen den Rippen aufwacht.“

„Aber in der Stadt ist doch Friede eingekehrt“, wandte Martin ein.

„Friede?“ Der Mürrische spuckte aus. „Ein Waffenstillstand, mehr nicht. Gottschalk ist ein angesehener Ratsherr, und die Einzigen, die ihn zusammen mit Affolterlohe und Neuhofen gesehen haben, seid Ihr. Bernward wird sich an nichts mehr erinnern, wenn jemand ihn fragen sollte, hat er noch nie getan, und das ist auch besser für ihn. Aber Ihr, Ihr wart beim Stadthauptmann – glaubt Ihr etwa, seine Spitzel haben das Gottschalk nicht hinterbracht?“ Wieder schüttelte er den Kopf. „Affolterlohe und Neuhofen gelten jetzt auch offiziell als Raubritter. Damit ist das Sache des Kaisers. Im nächsten Frühjahr wird er einen Reichstag abhalten, da wird die Stadt ihm die Angelegenheit unterbreiten. Vielleicht wollt Ihr ja bis dahin warten, Martin von Worms? Möglicherweise glaubt Ihr ja, dass Ihr so lange lebt.“

Martin legte die Stirn in Falten. „Und was ist mit Bruder Anastasius?“

„Der Herr sorgt für die Seinen“, sagte der Mönch. „Wir Franziskaner kümmern uns um die Armen und Kranken und nicht um weltliche Angelegenheiten. Mein Schicksal liegt in Gottes Hand ...“ Damit ließ er die Muskeln an seinen Unterarmen spielen.

Zweifelnd sah Martin vom einen zum andern. Schließlich zuckte er die Achseln und sagte: „Wohlan, gehen wir zum Stadthauptmann.“

 

Konrad von Weinsberg legte ihnen mit gewählteren Worten, als es der Mürrische getan hatte, den Sachverhalt dar und ließ durchblicken, dass es für sie besser wäre, die Stadt zu verlassen. So kam es, dass Martin und Anastasius an einem sonnigen Herbstmorgen des Jahres 1348 die Türme und Tore Speyers hinter sich ließen und Abschied voneinander nahmen. Ein paar Bauern, die auf den Feldern arbeiteten, hoben die Köpfe und grüßten freundlich, und als ein mit Fässern beladener Karren in einer Staubwolke vorrüberrumpelte, traten die beiden an den Wegrand, um ihn vorbeizulassen. Sonst begegnete ihnen niemand. Als sie die Stelle erreichten, an der Neuhofen und Affolterlohe Johannes Krambsfuß und seine Knechte ermordet hatten, sagte Anastasius: „Hier trennen sich unsere Wege, junger Freund. Geht mit Gott und schickt mir Nachricht, wie es Euch ergangen ist.“ Mit diesen Worten segnete er Martin und wandte sich ab.

 

Fast ein Jahr später – Martin widmete sich inzwischen eifrig seinen Studien – erhielt er einen Brief von Anastasius. In der Abgeschiedenheit seiner Kammer erbrach Martin von Worms das Siegel, und im flackernden Schein einer Kerze las er:

Der Friede des Herrn sei mit Euch!
... mein junger Freund, der Tod hat reiche Ernte gehalten in unserer Stadt. Nicht allein, daß die Pest den dritten Teil der Bürgerschaft dahingerafft hat. Im neuen Jahr sind auch die Geißelbrüder zurückgekehrt und haben die Saat gesät, aus der der Haß wächst. Am Samstag nach Dreikönig, als der Bischof gerade auf seinem Jagdschloß weilte, hat das aufgebrachte Volk das Viertel der Juden gestürmt. Wer von den heidnischen Israeliten nicht fliehen konnte, ließ elend sein Leben.

Ein Großteil der Unglücklichen hat sich in die Synagoge geflüchtet. Dann haben sie selbst Feuer gelegt. Sie wollten lieber verbrennen, als dem Haß ihrer christlichen Nachbarn anheimfallen. Ihren Vorsteher, Josef Amaricus, hat eine Gruppe von Bewaffneten, die ein Euch bekannter Ratsherr anführte, erst geschlagen und dann bei lebendigem Leib in ein Faß gesteckt und in den Rhein geworfen.

Auf seinem Reichstag hat Kaiser Karl IV. die Bürger von jeder Schuld freigesprochen und ihnen als Zeichen seiner Huld den gesamten Besitz der Israeliten überantwortet. Über Neuhofen und Affolterlohe hat er die Reichsacht ausgesprochen und sie zu Raubrittern erklärt. Nach einer kurzen Belagerung haben die Speyerer ihre Burgen geschleift. Neuhofen fand dabei den Tod. Er soll vor Angst gestorben sein, der Hasenfuß. Ich glaube, es wurde ein bißchen nachgeholfen. Sein Kopf ziert jetzt den Torturm, durch den wir seinerzeit gemeinsam gegangen sind. Affolterlohe haben die braven Bürger gefangengenommen und gerädert. Er war jedoch nicht mehr in der Lage, etwas zu verraten, weil ihm noch vor der peinlichen Befragung jemand die Zunge herausgeschnitten hat.

Der Streit zwischen den Zünften und den Kaufleuten ist ebenfalls entschieden. Die Zünfte haben die Hausgenossen gezwungen, ihnen als einzelne Zunft beizutreten. Statt vierzehn Ratsherren wie die Zünfte stellen die Hausgenossen jetzt nur noch einen. Ihr kennt seinen Namen. Er heißt Gottschalk Schaff zur Eck. Wie es heißt, ist er umtriebig und strebt das Amt des Bürgermeisters an.

Der Herr leite Euch auf all Euren Wegen. Ich empfehle Euch der Fürbitte der Heiligen Jungfrau Maria.

Am 13. Mai 1349
Anastasius,
Bruder des Ordens zum Heiligen Franziskus