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Eva

von Alexander Amberg

Ich kehrte von dem Wochenendtrip nach London zurück, zu dem Dr. Katz mir geraten hatte. Die Sonne knallte erbarmungslos herunter, wir hatten 33 Grad im Schatten, und noch nicht einmal der Hauch eines Schmetterlingsflügels bewegte die zu Blei gewordene Luft.

„Ist es besser geworden?“, fragte Dr. Katz und sah mich über den Rand seiner Nickelbrille hinweg forschend an.

„Ja, sehr!“

Nachdem ich meine Strafe abgesessen hatte, musste ich im Anschluss an die Entziehungskur auch noch die Therapie über mich ergehen lassen. Ich konnte von Glück sagen, dass sie mich nicht in eines ihrer Umerziehungslager gesteckt hatten, die jetzt, wo die Ökologische Einheitspartei die Regierung stellte, wie Pilze aus dem Boden schossen.

Dr. Katz nahm mir sogar ab, dass ich nicht mehr trank. Das Zittern war weg, und die paar Tropfen ab und zu waren nun wirklich nicht der Rede wert. Nur die Sache mit Eva nahm er mir krumm.

Gleich nach der Sitzung begann ich den Tag im „Déjà Vu“. Um die Mittagszeit fuhr ich in den Supermarkt, in dem ich früher immer eingekauft hatte. Ich schob den mit Toilettenpapier und Pizza beladenen Wagen zwischen den Regalen hindurch und spürte einen seltsamen Ruck hinter mir, gefolgt von einem leisen Klirren, als ich bei dem Versuch, einer Walküre auszuweichen, die einen dreijährigen Quälgeist mit sich schleppte, gegen eins der Regale stieß. Ich habe mir schon immer etwas auf meine Reflexe zugute gehalten. Nicht umsonst habe ich früher in der Bezirksliga Handball gespielt. Ich wirbelte herum und fing im letzten Moment eine Flasche auf, die nach der Kollision mit mir dem Gesetz der Schwerkraft folgte. Makellos glatt und fast warm schmiegte sich das Glas in meine Hand. Goldbraun schimmerte darin eine Flüssigkeit. „Glenfyddich“, stand auf dem Etikett, und darunter: „Finest old Scotch Whisky“.

An der Kasse zückte ich mein Smartphone, obwohl ich das gar nicht gemusst hätte, dieser kleine Minisender funktionierte auch in der Tasche. Vorbei die Zeiten, in denen eine brünette Kassiererin einen mit ihrem Augenaufschlag zum Schmelzen brachte.

Nachdem ich alles im Kofferraum meines E-Autos verstaut hatte, fuhr ich in die Stadt, um mir am letzten meiner drei Urlaubstage in der Fußgängerzone die Zeit zu vertreiben. Meinen 73er Triumph, den ich so geliebt hatte, gab es nicht mehr. Die Welt hatte sich verändert, während ich im Knast saß. Ich konnte von Glück sagen, dass ich in meinem Alter noch einen Job bei diesem Mistblatt gefunden hatte. Sie wussten nichts über meine Vergangenheit, wollten keinen Lebenslauf sehen, dafür zahlten sie aber auch mies.

Ich kann nicht genau sagen, wann sie mir zum ersten Mal auffielen. Irgendwann waren sie einfach da, ein kleiner Dicker, der sich unablässig den Schweiß von der Stirn wischte, und ein untersetzter, vierschrötiger Kerl. Er war nur wenig größer als der Dicke, aber insgesamt furchteinflößender, nicht zuletzt wegen der riesigen Pranken, die aussahen, als könne er mit ihnen mühelos einen Kürbis zerquetschen.

Ihre Glatzen glänzten vor Schweiß, aber erst nachdem ich eine Dreiviertelstunde im Zickzack durch die entlegensten Straßen gekurvt war, kapierte ich, was die grünen T-Shirts mit dem Sonnensymbol zu bedeuten hatten. Nun ja, ich war lange weg vom Fenster gewesen. Es waren Skinheads, sie gehörten zu den „Grynen“. So fuhren sie auch. In den engen Straßen der Innenstadt klebte mir ihr riesiges rotes E-SUV regelrecht an der Stoßstange. Trotzdem waren sie immer noch bemüht, nicht aufzufallen.

Ich überquerte die Bahnlinie und nahm die Südtangente. Auf der Autobahn trat ich einmal kurz aufs Gas, und – nichts. Keine entfesselten Pferdestärken. Leise surrend schwebte ich dahin, die beiden Knalltüten, die allem Anschein nach nicht bis drei zählen konnten, im Schlepp. Irgendwann waren sie verschwunden. Wahrscheinlich nur ein Zufall. Ich verzichtete darauf, mir den Kopf darüber zu zerbrechen.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit Nichtstun und richtete es so ein, dass ich spät nach Hause kam. Auf dem Nachhauseweg sah ich blutige Augen am Himmel, musste mir ins Gedächtnis rufen, dass es bloß die Lichter der Windräder waren.

Als ich am nächsten Morgen in der Redaktion eintraf, stapelte sich die Post auf dem Schreibtisch und die Voice Mail … nun ja, überquellen konnte das Ding ja nicht.

Vanessa begrüßte mich mit einem freundlichen „Guten Morgen!“, bevor sie mir den Kaffee brachte. Absolut retro. Wahrscheinlich hatte sie ein Auge auf mich geworfen, anders konnte ich mir diesen Rückfall ins Patriarchat der 80er Jahre nicht erklären. Sie war zwar ein bisschen alt, na ja, in meinem Alter, aber wenigstens kein Empfangscomputer, wie ihn die meisten Redaktionen mittlerweile hatten.

Ich rief mehrere Leute zurück, darunter den neuen Chefredakteur. Ich nahm an, es gehe um die Sache mit dem Kindergarten, und war erstaunt, mit welcher Heftigkeit er auf einmal loslegte.

„Hören Sie ...“, versuchte ich ihn zu beruhigen, aber er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen.

„Nein, jetzt hören Sie mir mal zu. Ich dachte, ich hätte Ihnen das Konzept dargelegt. Lithium-Batterien sind absolut umweltfreundlich und keineswegs ...“ Jetzt brüllte er: „... hören Sie, keineswegs eine ökologische Zeitbombe, Sie Schmierenjournalist!“

Das sagte er wirklich: Schmierenjournalist! Meinen Einwand, dass den Bauern in den Anden die Ernte verdorrte, weil man ihnen zur Lithiumgewinnung das Grundwasser abpumpte, und ihr Vieh verreckte, weil bei der Verdunstung alle möglichen Chemikalien freigesetzt wurden, ließ er nicht gelten. „Sie wissen, dass manche Arbeiten unerlässlich sind.“ Schließlich gehe es um klimaneutrale, ökologisch einwandfreie ... blablabla … „Verstehen Sie denn nicht die Implikationen ...“

„Aber hören Sie ...“, versuchte ich wieder mein Glück und beschwor damit einen Schwall herauf, der meinen Satz in der Mitte zerschnitt. Der Tenor war: Ich war ein Idiot und mieser Schreiberling, ich hätte nichts verstanden, und eine ökologische Erneuerung fordere nun mal Opfer. Damit legte er auf. Einigermaßen verdutzt betrachtete ich das Telefon und zündete mir eine Zigarette an.

Zu denken gab mir, dass ich noch keine einzige Zeile über den Lithiumabbau verfasst hatte. Ich hatte am Wochenende – zu Hause – ein bisschen gegoogelt, mehr nicht.

„Tja“, meinte Dieter, „die überwachen jeden. Wo hast du denn die letzten Jahre gesteckt?“ Er war der Kollege, mit dem ich das Büro teilte, teilen musste, und hatte alles mitbekommen. Er fotografierte auch, nun ja, knipste eher. Er machte alle Fotos und war ständig unterwegs, weil er die Kohle brauchte, ein wandelnder Anachronismus im Zeitalter der Smartphones, keine Ahnung, warum der Verleger ihn noch nicht rausgeschmissen hatte.

„Sollen wir in der Mittagspause einen trinken gehen?“ Fragend sah er mich an. Ich schüttelte den Kopf. Aber das Ende vom Lied war, dass ich in der Mittagspause einen extragroßen Whisky zu mir nahm.

„Die Europäische IT-Sicherheitsbehörde überwacht das komplette Internet“, nuschelte Dieter, während er an einer Olive kaute, „besser als damals die NSA.“ Er nuckelte an seinem Gin Tonic und warf der Bedienung einen schmachtenden Blick zu. Ausnahmsweise waren wir nicht im „Déjà Vu“ gelandet, sondern beim Italiener um die Ecke.

„Alles, was du eingibst, wird registriert. Und analysiert, ausgewertet.“ Er hob sein Glas, und ich tat das Gleiche. Er winkte der Bedienung, einer zierlichen Rothaarigen, und bestellte ein Bier zum Nachspülen. „Ne du“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Und mit den Grynen will ich nichts zu tun haben. Die schlagen erst zu und stellen hinterher Fragen.“ Ich hatte ihm alles erzählt und war einer Meinung mit ihm. Die Grünen hatten sich alles einverleibt, nachdem sie ihre Ökodiktatur errichtet hatten, die Grynen waren ihr starker Arm, rekrutiert aus Skinheads und ehemaligen Neonazis. Als Dieters Bier kam, redeten wir über Fußball und den neuen Mega-Markt, der den Einzelhandel zur Verzweiflung trieb.

Weil ich die Nase voll hatte, machte ich eine Stunde früher Feierabend. Als ich nach Hause kam, sah ich Eva im Wohnzimmer. Sie schwebte im Lotosblütensitz einen Meter über dem Teppichboden. Ich schüttelte den Kopf, ging in die Küche und holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank.

„Schon zurück?“ Sie lehnte in der Tür, verführerisch lächelnd, mit einem Blick, der mich um den Verstand brachte. Ich hatte sie nicht kommen gehört.

„Ja, es gibt nicht viel zu tun“, log ich. Ihre Augen hatten diese gefährliche Grünfärbung angenommen, und ich wusste, dass ich mich besser mit den Tatsachen abfinden sollte. Das Telefon riss mich aus meinen Gedanken.

Als ich endlich den Hörer abnahm, war der Anrufbeantworter schon angesprungen. „Ich wusste doch, dass Sie zu Hause sind“, bellte mir Müllers Mezzosopran entgegen. Er hatte mir einen ungemein wichtigen Termin mitzuteilen, der unbedingt aktuell mit musste. Ein ungarisches Restaurant, der Besitzer ein wichtiger Anzeigenkunde, feierte in einer halben Stunde sein zehnjähriges Bestehen, und der freie Mitarbeiter, der darüber berichten sollte, sei ganz plötzlich krank geworden.

„Schön, schön“, murmelte ich zwischen zusammengepressten Zähnen. „Wo ist die Bude?“

Sie lag in einem Außenbezirk, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Im Licht der schwindenden Sommersonne traten sich ein paar Nutten die Füße platt, und als ich um die letzte Ecke bog, sah ich auch schon Dieters E-Karre im Halteverbot. Ich parkte dahinter, stieg aus und sagte: „Los geht’s.“

Der Besitzer, ein Mittvierziger mit beginnender Glatze und strahlend weißen Jacketkronen unter einem mächtigen Schnauzbart, überschlug sich fast vor Freude, als er uns sah. Sein Name klang so ähnlich wie Adrian, aber als ich ihn noch einmal danach fragte, meinte er, das tue nichts zur Sache. Als Erstes verfrachtete er uns an einen Ecktisch und kredenzte Kaffee. Er war so groß, dass er auf dem Weg zum Tresen den Knoblauchbündeln ausweichen musste, die überall von der Decke herabhingen. An den Wänden zeigten Kitschgemälde eine ländliche Idylle, die niemals existiert hatte. Während er in groben Zügen die Entwicklung des Restaurants und der Speisekarte schilderte und ich eifrig notierte, knipste Dieter, was das Zeug hielt. Fünf Minuten später hatte er das Innere des Ladens aus jeder erdenklichen Perspektive aufgenommen und wollte sich verabschieden; aber so einfach ließ Adrian uns nicht aus seinen Fängen.

„Sie können doch nicht gehen, ohne etwas gegessen zu haben“, lamentierte er und sah dabei aus, als würde er gleich anfangen zu heulen. Schließlich ließen wir uns breitschlagen, und er tischte uns mächtig auf. Während wir aßen, füllte sich das Lokal mehr und mehr. Am Nebentisch nahmen eine feiste Blondine und ein dürres Männchen Platz, etwas weiter weg ein betagtes Paar, das sehr verliebt tat. Eine etwas lärmende Tischrunde, allesamt ältere Semester, schwärmte vom letzten Urlaub am Balaton und bestellte eine Runde schweren Rotweins. Dieter trank einen Schluck Bier, setzte sein Glas ab und sah mich fragend an.

„Warum nicht?“, meinte ich, zuckte die Achseln und drehte mich um, um noch zwei Bier zu bestellen. Dabei fiel mein Blick auf einen Tisch, der hinter der Garderobe halb verborgen in einer Nische stand. Daran saß ein kleiner Dicker, der sich unablässig den Schweiß von der Stirn wischte, und ihm gegenüber ein untersetzter, vierschrötiger Kerl, in dessen riesigen Pranken der Humpen, den er hielt, wie ein Fingerhut wirkte. Als der Dicke bemerkte, dass ich zu ihm rüber stierte, lehnte er sich zurück, um hinter einem Mantel Deckung zu suchen, der trotz der sommerlichen Temperaturen an der Garderobe hing.

„Siehst du die beiden Kerle da drüben?“ Dieter nickte gelangweilt. Aber sein Gesichtsausdruck wich einer angespannten Erwartung, als er die grünen T-Shirts sah. Er pfiff leise durch die Zähne: „Die sind hinter dir her.“ Schöne Scheiße. Und warum?

„Ist doch klar“, sagte Dieter. „Was hat Müller gesagt über Lithiumgewinnung und Implikationen ...“ Er sah mich an, als warte er auf etwas. „Na?“

„Was na?“

„Macht’s jetzt klick?“

„Du meinst ...“ Er nickte. „Die Grynen haben dich am Arsch.“ Mit einer Mischung aus Mitleid und Bewunderung fügte er hinzu: „In deiner Haut möchte ich nicht stecken.“

„So ein Blödsinn“, sagte ich. „Die hätten mir doch längst alle Knochen gebrochen, wenn sie hinter mir her wären.“

Trotzdem standen wir auf und verabschiedeten uns etwas überstürzt. Aus dem Augenwinkel bekam ich mit, dass unsere beiden Knalltüten sich ebenfalls in Bewegung setzten. „Mach’ schon!“, rief ich Dieter zu, aber er spurtete bereits los, die Autoschlüssel in der Hand.

„Ist es besser geworden?“, fragte Dr. Katz und sah mich über den Rand seiner Nickelbrille hinweg an.

„Danke, sehr!“

„Sehen sie Ihre Frau noch?“, fragte er. Vor einer halben Stunde hatte sie mir zum Abschied zugewinkt. Aber wenn ich ihm das erzählte, würde ich in einer Anstalt enden. Ich wusste, was er hören wollte.

„Nein, natürlich nicht“, log ich. Wie denn auch? Prüfend blickte er mir in die Augen. Was er da sah, schien ihm zu gefallen, denn er lehnte sich in seinem Sessel zurück und schmunzelte leicht. Dabei spielte er geistesabwesend mit seiner kalten Zigarre.

„Es braucht Zeit, ein Trauma zu überwinden“, sagte Dr. Katz. Klang in seiner Stimme eine Spur Ironie mit oder bildete ich mir das nur ein? Sie war tot, sicher, aber wir liebten uns, und war es da nicht normal ... Er war aufgestanden.

„Wir sehen uns in zwei Wochen wieder.“ Damit reichte er mir die Hand. Die Audienz war beendet. Seine Sprechstundenhilfe, eine etwas magere Brünette, warf mir einen abschätzenden Blick zu, während sie mir einen neuen Termin gab.

Im Büro gab es wenig zu tun, eigentlich nichts außer dem üblichen Mist wie E-Mails checken oder das Telefon anstarren. Aus Langeweile versuchte ich, meine Kollegen ein bisschen zu mobben, aber auch damit vermochte ich mich nicht lange zu beschäftigen. Also beschloss ich, die Mittagspause vorzuverlegen, und ging zum Inder um die Ecke. Dort kannte man mich, ich wurde freundlich begrüßt. Kaum hatte ich die Schwelle überschritten, kam auch schon der Besitzer, ein gewisser Sri Batesh Nochwas, strahlend auf mich zu, fragte, wie es mir gehe, und versuchte, mir eine Frau aufzuschwatzen.

„Bildschön“, sagte er und küsste seine Fingerspitzen. „Erst zwanzig Jahre alt. Sie lebt in Indien, könnte aber ...“

„Halt halt halt!“, unterbrach ich ihn. „Ich bin schon verheiratet!“

Darauf sah er mich merkwürdig an. „Ihre Frau ist tot“, flüsterte er heiser.

„Ich möchte nur etwas trinken und einen Happen essen, okay!“

Bedauernd zuckte er die Achseln. „Wirklich bildschön“, murmelte er. Gleich darauf kredenzte er mir ein ganzes Wasserglas voll Whisky.

Als ich zurück ins Büro kam, erfuhr ich von der Sache mit Dieter. Jemand hatte ihn in der vergangenen Nacht mit einem Baseballschläger traktiert und ihm dabei den Kiefer und das Nasenbein zertrümmert, sämtliche Rippen gebrochen und die Eier gequetscht. Er lag im städtischen Krankenhaus und war noch nicht vernehmungsfähig. Mir wurde ganz schlecht bei dem Gedanken. Unsere beiden Knalltüten waren gefährlicher, als sie aussahen. Was, wenn sie mich erwischten? Was wollten sie überhaupt?

„Von den Tätern keine Spur“, berichtete Vanessa mir in bedauerndem Tonfall, aber mit leuchtenden Augen. Sie mochte Dieter noch nie so recht leiden.

„Bitte?“ Ich sah sie kurz an und versank wieder in meinen Gedanken. Was sollte ich tun? Nach Hause brauchte ich gar nicht erst zu gehen, denn Eva war tot. Ich hatte sie umgebracht, sie erstickt. Darum hatte ich zwölf Jahre gesessen. Aus Liebe. Deshalb musste ich in diese Therapie.

Das hatte Sri Batesh Nochwas gemeint. Jetzt blieben mir nur noch meine Wahnvorstellungen und Hirngespinste. Aber ich musste der Realität ins Auge sehen, und die Realität war, dass ein paar Verrückte Dieter die Eier zerquetscht hatten, weil er mit mir einen Termin wahrgenommen hatte. Und als Nächster war aller Wahrscheinlichkeit nach ich dran. Was sollte ich tun?

Ich tat das, was ich in verzwickten Situationen immer zu tun pflege. Ich suchte Trost bei einer großen Flasche Scotch. Irgendwann warf die Dicke, die im „Déjà Vu“ hinter dem Tresen stand und den ganzen Tag lang verdrossen an irgendwelchen Gläsern herumwischte, mich raus. „Wir schließen“, war das Letzte, was sie zu mir sagte. Dann fing die ganze Welt an, sich um mich zu drehen. Irgendwie schaffte ich es nach Hause.

Mühsam fingerte ich nach dem Schlüssel, doch ich hatte Mühe, ihn ins Schlüsselloch zu bekommen, weil die Tränen mich halbblind machten. Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, heulte ich richtig los. Hemmungslos schluchzte ich vor mich hin. Aber trotz meines bedenklichen Zustands war ich noch nicht so außer Gefecht, dass ich den Weg zum Kühlschrank nicht mehr gefunden hätte. Ich nahm mir ein Bier, trank einen Schluck und ...

„Was ist denn mit dir los? So habe ich dich ja noch nie gesehen.“ Es war Eva. Sie stand in der Tür und trug meinen Bademantel. Darunter hatte sie nur ein Négligé an. Ihre Augen hatten auf einmal diesen gefährlichen Grünschimmer.

„Geh’ weg“, heulte ich. „Du bist tot! Ich habe dich umgebracht.“

„Du meinst ...?“ Ich nickte. Das Phantom verschwand. War das so einfach?

Ich war allein und sah mich um in der trostlosen Wohnung, mir ihrer Leere trotz meines Zustands zum ersten Mal richtig bewusst. Schluchzend krabbelte ich zum Herd, drehte das Gas auf in der Absicht, aus dieser Welt zu scheiden, und nuckelte weiter an meinem Bier.

Ich musste eingeschlafen sein, denn irgendwann weckte mich ein Klirren. Es kam aus dem Wohnzimmer. Ein Klirren? Ich schreckte hoch und versuchte, etwas zu sehen. Das einzige Licht, das brannte, kam aus dem Kühlschrank. Ich hatte wohl die Tür offengelassen. Dann sah ich einen hellen Punkt, der im Flur auf und ab tanzte. Erst als ich Stimmen hörte, merkte ich, dass es der Strahl einer Taschenlampe war, und mir war klar, dass jetzt auch ich Besuch bekam. „Scheiße Scheiße Scheiße“, war alles, was ich denken konnte. Das Licht ging an. Eine gutturale Stimme sagte etwas zu mir, und als ich meinen Fokus endlich richtig eingestellt hatte, standen Pat und Patachon in der Tür, die beiden Knalltüten, die Dieter fertiggemacht hatten. Der Dicke wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte: „Wen haben wir denn da?“ Sein vierschrötiger Kollege ließ den mächtigen Baseballschläger, den er in seiner rechten Pranke hielt, fast liebevoll auf die Handfläche der geöffneten Linken klatschen.

Ich wollte etwas so Sinnvolles sagen wie „Was machen Sie hier?“ oder „Machen Sie, dass Sie raus kommen, sonst mache ich Ihnen Beine!!!“ Aber vor lauter Angst hatte es mir die Sprache verschlagen. Ich hatte nur noch Augen für den Baseballschläger, der gnadenlos auf diese riesige Pranke klatschte. Der Dicke zog mich von meinem Stuhl hoch und schubste mich gegen die Wand, während sein Gorilla drohend auf mich zukam. Ich wich zurück in den Flur und sah aus dem Augenwinkel, wie der Dicke eine Packung Zigaretten aus der Brusttasche zog und nach seinem Feuerzeug fummelte. Irgend etwas in mir reagierte panisch darauf, obwohl ich vor kurzem noch hatte sterben wollen. „Das Gas“, dachte ich und wollte ihm zurufen, er solle es bleiben lassen. Aber in diesem Moment wuchs der Baseballschläger vor mir in den Himmel und senkte sich in einem eleganten Halbkreis auf mich herab, katapultierte mich quer durch den Flur. Ich sah einen hellen Schein und hörte ein lautes Krachen, vielleicht auch umgekehrt, alles drehte sich rasend schnell um mich, die ganze Welt schien in Bewegung ...

Als ich aufwachte, hatte ich einen schrecklichen Brummschädel und sah in Evas Gesicht. Nur dass es gar nicht Eva war, sondern eine Krankenschwester, die beruhigend auf mich einredete und mir zulächelte. Eva war tot. Ich hatte sie umgebracht. Sie war ein bisschen flippig gewesen, keiner hatte gemerkt, dass sie schizophren war, bis sie sich mit einer Schere beide Augen ausstach. Ich hatte den Notarzt gerufen, aber im Krankenhaus hatte sie mich angefleht … Also drückte ich ihr das Kissen aufs Gesicht. Aber seitdem ließ sie mich nicht mehr los. Diese blutigen Augenhöhlen …

Da war noch jemand im Zimmer. Er fragte mich nach den beiden Knalltüten, die jetzt wahrscheinlich Flügel hatten, wohl ein Polizist. Ich sah ihn verständnislos an und murmelte „Einbrecher“ und „Keine Ahnung!“ Er fragte noch irgendetwas, aber die Schwester fiel ihm ins Wort und drängte ihn zur Tür. Ich schloss für einen Moment die Augen und dachte an Eva. Die Schwester sagte etwas und warf mir einen mitleidigen Blick zu. Als sich die Tür hinter ihr schloss, merkte ich, dass ich weinte.

***